Dienstag, 16. Januar 2018

Geflickte Fäden und Geigenunterricht.


Aquarellskizze. Kleine Katze schleicht aus dem Zimmer, weil aus dem Nachbarzimmer so grässliche Geigentöne kommen.

Meine alte Geige.
Sie ist wirklich wieder mein.
Im Geigenbauatelier Albrecht wurde sie repariert, aufgearbeitet und wieder spielbar gemacht.
Das war ein ganz schöner Brocken Arbeit, aber jetzt ist sie wieder wunderschön, und ich kann gar nicht begreifen, wie ich so lange ohne sie sein konnte.
Nun war also kürzlich der große Tag, und ich trug das alte/neue Schätzchen glücklich nach Hause.
Der Mann wollte sofort "was hören" aber ich schlich erstmal eine ganze Weile um das Instrument herum und traute mich nicht.
Die ersten Töne, die ich dann versucht habe, waren ganz furchtbar.
Katzenjammer. 
Und der Bogen...der fuhr in alle möglichen Richtungen, nur nicht in die, in die er sollte.
Aber nur kurz.
Mein Gedächtnis hat offenbar doch noch so einiges abgespeichert rund um die Fiedelei, sodass nach den ersten Startschwierigkeiten die ersten halbwegs akzeptablen Töne erklangen.
Trotzdem war schnell klar:
Ich brauche nochmal ein paar Geigenstunden, um wieder richtig neu reinzukommen und ein paar Grundlagen aufzufrischen.
So marschierte ich zum kleinen Kuhberg. Der liegt mitten in der Stadt, und dort befindet sich die Streicherakademie Kiel. Ich hatte eine Probestunde vereinbart und war ungefähr so aufgeregt wie früher, wenn ein Vorspiel anstand.
Naja, nicht ganz so schlimm, da ja kein Publikum zu erwarten war, aber für jemanden, der sowieso eher etwas schüchtern ist, durchaus ein Angang.
Und dann war alles ganz leicht und schön und die Musik war wieder da.
Erstmal mit ganz einfachen Melodien, in einem fast leeren Raum, nur mit einem Notenständer drin und ein paar Stühlen. 
Ich geigte eine alte Volksweise, und nach dem ersten Schreck spielte der Lehrer eine improvisierte zweite Stimme dazu, und ich ich dachte nur "cool, warum habe ich das nur so lange nicht gemacht???"
So ist ein erster Schritt getan, und ich bin mit einem riesengroßen Grinsen da hinaus spaziert.
Habe mich so gefreut wie schon lange nicht mehr.

...

An dieser Stelle möchte ich (ausschnittweise) ein Gedicht von Friedrich Hebbel zitieren, weil es einfach so gut passt. Es ist religiös - ich bin es nicht (oder vielleicht doch, wenigstens ein bisschen, meinen manche - aber das ist eine andere Geschichte). Und es kommt der "Herr" drin vor, mit dem tue ich mich auch schwer. Aber trotzdem passt es. Ein bisschen paradox, aber so ist es eben manchmal im Leben.

"...Und von allen Sternen nieder,
strömt ein wunderbarer Segen.
Dass die müden Kräfte wieder
sich in neuer Frische regen.
Und aus seinen Finsternissen
tritt der Herr soweit er kann,
und die Fäden die zerrissen
knüpft er alle wieder an..."

Friedrich Hebbel

Warum passt das so gut?
Vor längerer Zeit bloggte ich schonmal über die Familienliebe, und dass das alles nicht immer so einfach ist. Familienbande...Lebensfäden...die können sich verheddern, sie können absichern und Halt geben, aber auch reissen, kaputt gehen und sich verknoten.
Einer dieser zerrissenen Fäden hing die ganze Zeit zwischen meinem Vater und mir.
Mein Vater lebt nicht mehr, sodass der Faden nie wieder ganz heil werden kann.
Wir haben es fertig gebracht, in unseren Faden eine Menge Knoten hineinzufriemeln.
Einer der ganz dicken Brocken hat sich jetzt gelöst, weil etwas, das für uns beide wichtig war, wieder Einzug in mein Leben gehalten hat:
Musik machen.
So ist der Faden zwar nicht heil, aber er ist etwas entwirrt und geflickt. Und liegt nicht mehr traurig in der Ecke herum, bei den anderen vertüddelten Fäden.

Jetzt schnapp ich mir die Violine und übe. Habe mir auch extra einen Dämpfer gekauft, damit die Nachbarn nicht so leiden müssen.

Danke für`s Lesen, AHOI und bis zum nächsten Mal!





Sonntag, 31. Dezember 2017

Das Herz und die Dinge

Aquarellzeichnung: Eine blaue Schachtel, aus der eine Perlenkette mit einem roten Herz hängt. Skizze von Meike Kröger, Atelier kleine Freiheit


"Du sollst Dein Herz nicht an die Dinge hängen"
Diesen Spruch hat sicher jede_r schon einmal in dieser oder ähnlicher Form gehört. Mit oder ohne biblischen Hintergrund: Er wird immer gern gebracht, wenn es darum geht, das vermeintlich "Wesentliche" oder das "Echte" zu finden, das unter all den Dingen vergraben liegt, mit denen wir unsere Leben vollstopfen.
Was dieses "Wesentliche" oder "Echte" sein soll, will ich hier gar nicht erörtern, das kann jede_r für sich selbst machen oder auch nicht.

Nun ist gerade Weihnachten* gewesen, und wieder einmal drehte sich (fast) alles um Geschenke, gutes oder schlechtes Weihnachtsgeschäft, Quartalszahlen am Jahresende, Kommerz und das Beschimpfen desselben.
Alle Jahre wieder.
Früher war alles besser.
Und mehr Lametta.

"Jede Woche eine neue Welt" lernen wir, während wir vor der zwanzigsten Variante einer Gemüsereibe stehen und erwägen, mit dieser unsere alte Reibe zu ersetzen, die zwar einwandfrei funktioniert, aber...nunja...lange nicht so hip wie diese hier aussieht.
Die Minimalistin in mir rümpft dann ihr Näschen und setzt sich in diesem Fall durch.
Zero Waste und durchdachtes Einkaufen, das sind wirklich schlaue Trends, denen ich eine Menge abgewinnen kann, auch wenn unsere eigene Praxis weit hinter dem Ideal her hinkt.
Im Ausmisten war ich aber immer schon ganz gut.
Der Aufräumkönigin Marie Kondo verdanke ich ausserdem seit einem guten Jahr einen sehr übersichtlichen Kleiderschrank und nach und nach auch eine ordentlichere Schreibtischwelt.
Bei ihr geht es neben dem Aufräumen noch einen Schritt weiter, denn sie fordert einen auf, gewissermaßen die "Heiligkeit der Dinge" neu anzuerkennen - was mir persönlich jedoch zu weit geht.
Für mich bleibt es bei einer neuen Art der Wertschätzung und Achtung der Dinge und, sofern möglich, der Menschen, die diese hergestellt haben.
Da ich als Goldschmiedin selbst Dinge herstelle, die niemand wirklich zum Leben braucht weiss ich sehr gut, wie schön es sich anfühlt, wenn "meine Dinge" für andere Menschen etwas bedeuten.
Weil damit oft etwas verbunden ist.
Eine Geschichte; mal glücklich, mal tragisch, mal traurig oder auch alles zusammen.
Manchmal auch meine Geschichte.

Auch mein Herz hängt an Dingen.
Nicht an besonders vielen, aber je älter ich werde, je mehr merke ich, dass ich manches doch lieber ein bisschen festhalten möchte.
Manchmal bereue ich es auch im Nachhinein, bestimmte Dinge zu schnell entsorgt zu haben.

Als ich in diesem Jahr zum ersten Mal im Kloster Nütschau war, habe ich eine weitere, sehr alte Form des Minimalismus kennen gelernt. Die Mönche haben (fast) keinen privaten Besitz und sind quasi die Spitzenreiter im Verzicht auf Dinge, die nicht unmittelbar zum Leben notwendig sind.
Auch die Gästezimmer im Kloster sind vollkommen frei davon.
Bett, Tisch, Spind, kleines Bad und ein Bücherregal.
Und dann gibt es da natürlich doch wieder eine Menge Dinge, die für die Andachten und die Gottesdienste gebraucht werden:
Das geschmiedete Altargerät, Becher, Schalen, Zangen, Tellerchen, Kerzenhalter...die gewebten und aufwändig bestickten Gewänder der Priester...für mich als Handwerkerin faszinierend, auch wenn ich die Bedeutung all dieser Dinge nur ansatzweise kenne.
Sicher hängt auch das Herz der Brüder an diesen Dingen.
Weil sie im täglichen Gebrauch ihren Sinn entfalten, ihre festen Plätze haben und uralte Regeln, nach denen sie benutzt werden.
Wie besonders gutes Kochgeschirr für die Seele - wenn ich mir diese kleine Analogie erlauben darf.
Für mich als Außenstehende war es ganz neu zu erleben, mit welcher Ehrfurcht die Brüder diese Gerätschaften in der Messe behandeln - langsam und mit ganz viel Bedacht, jeden Tag immer wieder mit der gleichen Sorgfalt und Konzentration.
Auch wenn ich als Nichtgläubige nur als Zaungästin dabei war: Etwas von dieser Ehrfurcht und Andächtigkeit ist auch bis zu mir geschwappt.
Vielleicht, weil sich diese Haltung von Sorgfalt und Aufmerksamkeit auch ausserhalb der Andachten im Umgang mit allem - Menschen, Natur und den Dingen - fortsetzt.

...

Ich habe jetzt ein ganz besonderes Ding wieder gefunden:
Meine alte Violine.
An diesem Instrument hängt ein großer Teil meiner Jugend.
Meinem Vater, der selbst viel Musik gemacht hat, war es wichtig, dass wir Kinder auch Instrumente erlernen und Musik machen, und so hat er mir, als ich Kind war, eine alte Geige organisiert und aufarbeiten lassen.
Diese Geige ist mit mir jahrelang den langen Schulweg mit dem Zug hin und her gefahren, und sie fuhr auch mal allein weiter bis zur Endstation, nachdem ich sie beim Aussteigen in der Gepäckablage vergessen hatte...das gab höllisch Ärger zu Hause, aber glücklicherweise kam die Geige auch wieder zu mir zurück.
Sie wurde von mir geliebt, wenn meine Finger endlich kapiert hatten, wie man halbwegs passable Töne fabriziert und nicht mehr sich selbst und die restliche Familie quält. Und sie wurde gehasst, wenn zusätzlich zu den langen Schultagen und Mathe-Nachhilfe noch für die Geigenstunde geübt werden musste.
Ich habe im Schulorchster gefiedelt, mit einer Freundin Straßenmusik gemacht und auf Hochzeiten gegeigt.
Später dann, in Ausbildung, Studium und Beruf, da verschwand das Musik
machen leider fast vollständig aus meinem Leben.
Die Geige lebte eine Weile als Dekorationsobjekt an diversen Wohnungswänden, wanderte dann in den Keller und wurde dort von mir fast vergessen.
Hin und wieder schaute ich nach ihr, und jedes Mal wurde ihr Zustand jämmerlicher und mein schlechtes Gewissen größer. Irgendwann fiel das Griffbrett ab und ich trug sie zu einer Geigenbauerin, um zu erfahren, wie teuer eine Reparatur sein würde.
Sie wiegte ihren Kopf hin und her und nannte mir eine ordentliche Summe. Es sei aber ein gutes Instrument und es würde sich lohnen, die Geige aufzuarbeiten.
Leider passte die Reparatursumme damals nicht zum Inhalt meines Portemonnaies, und so entschied ich - vernünftig wie ich fand - die Geige wegzugeben.
Ich überließ sie gegen eine kleine Entschädigung der Geigenbauerin und freute mich an der Idee, dass eines Tages wieder jemand auf ihr Musik machen würde.
Zwar war ich auch traurig, denn die Geige war das einzige wirkliche Erbstück, das ich von meinem Vater hatte.
Ich blieb aber dabei, denn:
"Du sollst Dein Herz nicht an die Dinge hängen!"
Und da die Geschichte rund um die Geige, meinen Papa und mich nicht ganz einfach und nicht nur schön war, fand ich die Idee super, einen echten Schlussstrich zu ziehen.
Sehr erwachsen, fand ich.
So gingen wieder ein paar Jahre ins Land.
Ich machte nach und nach meinen Frieden, trauerte eine Weile und lebte weiter.
Und vermisste meine Geige. Und das Musik machen.
Ich dachte immer öfter darüber nach, das Instrument wieder zurück zu kaufen, falls ich es mir leisten könnte und es noch zu haben wäre.
Ich fragte aber nicht nach, irgendwie hatte ich Angst, dass sie schon jemand anderes gekauft haben könnte.

Und dann kam Weihnachten.
Und eine Menge Leute kam in unser Atelier, um schöne und persönliche Dinge bei mir anfertigen zu lassen. Das  erlaubt es mir jetzt, mir meine Geige wieder zurück zu holen.
Denn sie ist noch da. Frisch überholt und wunderschön - ich bin so ein Glückskind!
Ich habe keine Ahnung, ob ich je wieder richtig auf ihr spielen werde, aber das ist erstmal unwichtig.
Denn:
Ein Ding, an dem mein Herz hängt, zieht wieder bei mir ein.
Und damit ein Stück Erinnerung zum Anfassen und Festhalten.

Danke für`s Lesen, ahoi und bis zum nächsten Mal!
Rutscht gut ins neue Jahr und:
Thank you for the Music!




*Weihnachten:
Eigentlich wollte ich auch noch darüber bloggen, dass ich in diesem Jahr zum ersten Mal seit meiner Kindheit wieder Lust hatte, das "eigentliche Weihnachten" und die Adventszeit zu erleben, jenseits von Kaufrausch und verordneter Harmonie am Jahresende.
Das hätte hier aber den Rahmen gesprengt und ich hatte - eben wegen der kommerziellen Seite von Weihnachten und dem Druck, der auch auf uns in dieser Phase des Jahres liegt, null Zeit und Energie übrig, über meine wirklich schönen Adventserlebnisse zu schreiben.
Aber ich hatte sie.
Begegnungen, Gespräche, Licht, Hoffnung und Dankbarkeit.




Dienstag, 5. September 2017

Familie


Skizze einer bunten Familie, die auf einem Drahtseilakt tanzt. Dabei ein Hund. Und viele Fäden, die alles zusammenhalten. Von Meike Kröger


Familie.
Ein Drahtseilakt.
Immer.
Egal ob die Familie klein ist oder riesengroß.
Ständig kann man sich verheddern, man wird aufgefangen, wird festgebunden, fallen gelassen oder sicher vertäut, damit man nicht verloren geht.
Man wird gedrückt, erdrückt, geherzt, ausgeschlossen und wieder gefunden.
Familie, das ist eine felsenfeste und wackelige Angelegenheit. Schonungslos und randvoll mit Liebe.
Die Familienliebe tarnt sich oft, man kann sie nicht immer sofort erkennen.
Sie steckt im Kleid der Sorge, sie wohnt in unzähligen Wünschen und Erwartungen.
Man zertrampelt sie oft aus Versehen, aber sie ist zum Glück ziemlich robust und nicht so schnell klein zu kriegen.
Sie bildet dünne, aber zähe Fäden, an denen man hängen und kleben bleibt, auch wenn alles auf dem Kopf steht und durcheinander gerät.
Manchmal reißen sie trotzdem ab. 
Und nicht immer lassen sie sich reparieren.
Aber mit etwas Glück wächst fast immer irgendwann wieder etwas neues nach, und der Tanz geht weiter.
Unerbittlich und voll mit wilden und mutigen Heldinnen und Helden.

...









Donnerstag, 27. Juli 2017

Die kleinen Dinge





Heute im Supermarkt um die Ecke:
Das lustige „welches-ist-wohl-die-schnellst-Schlange“ - Spiel an der Kasse, die Leute um mich herum aber recht entspannt.
Man kennt das hier, es kann etwas dauern.
Zu unserem kleinen Supermarkt muss man folgendes sagen:
Er ist etwas ganz besonderes.
Denn hier wird sich Zeit genommen.
Besonders für die vielen alten Leute, die rundherum in den Seniorenwohnungen leben.
An meinem Atelierschaufenster tippeln sie jeden Tag vorbei, manche kenne ich ein wenig, weil ich ihnen ihre Lieblingsperlenkette repariert habe oder einen verbogenen Ohrstift wieder gerade gemacht habe.
Oft gehen sie mehrmals täglich in den Supermarkt.
Im Schneckentempo, den Rollator fest im Griff, dieser Tage oft mit Schirm, die Schultern trotzig gegen den Wind gestemmt.
Mal wird nur die Tageszeitung gekauft, mal der Kuchen für den Nachmittagsbesuch, mal wird das geholt, was beim vorherigen Einkauf vergessen wurde.
So bleibt man in Bewegung, man kriegt mit, was auf der Straße und im Viertel passiert.
Für viele ist es die einzige Strecke, die noch allein zu Fuß bewältigt werden kann.
Immer wieder wird Pause gemacht, verschnauft, überlegt, ob man den Schlüssel eingesteckt hat oder ob man schon das Taschengeld für den Enkel von der Bank geholt hat.
Im Supermarkt, der eng, klein und herrlich unrenoviert ist, arbeiten die nettesten Kassiererinnen und Kassierer, die man sich nur vorstellen kann.
Sie gehen fix die Pfandflasche in den Automaten einwerfen und schnauzen die alte Dame an der Kasse nicht an, weil die sich einfach nicht merken kann, dass man das Altglas nicht mehr bei Menschen sondern bei Robotern abgeben muss.
Wenn man sein Lieblingsshampoo nicht finden kann, dann wird man nicht mit vager Handbewegung irgendwo in den „dritten Gang links“ gescheucht, sondern es kommt jemand mit und zeigt einem, wo es hingeräumt wurde.
Auch heute wieder wurde sich wieder sehr rührend um eine alte Dame gekümmert, die an der Kasse merkte, dass sie Haferflocken und Müllbeutel vergessen hatte.
Macht nix, wurde schnell geholt.
Wenn man es also extrem eilig hat, dann sollte man diesen Supermarkt meiden.
Denn hier arbeiten auch ein paar Menschen, die ein bisschen langsamer sind, denen man anmerkt, dass sie ein paar Probleme mit Rechnen haben (denen fliegt ja mein Herz ohnehin zu, ich kenne das nur zu gut) und die, wie man hier im Norden sagt, hin und wieder ein bisschen „tüddelig“ sind.
Aber wirklich nur ein bisschen, und wenn man nicht rumdrängelt und meckert, dann klappt alles trotzdem.

Es ist manchmal so einfach.




Sonntag, 23. Juli 2017

Radrennen und Feminismus oder wie ich mich nicht aufregte.



Skizze eines TV-Geräts mit rosa Herzen auf dem Bildschrim. Dazu ein Glas Wein. Skizze von Meike Kröger




Neulich im Internet.
Genauer gesagt bei Facebook. Da wurde ein Interwiev herumgereicht, welches ZDF-Mann Claus Kleber mit der Schaupielerin Maria Furtwängler zum Thema Sichtbarkeit und Präsenz von Frauen in den Medien, speziell im Fernsehen, geführt hat.
Wer das nicht angeschaut hat, findet es sicher noch in der Mediathek vom ZDF Heute Journal.
Kurz gefasst, wollte Frau Furtwängler (und offenbar auch andere Menschen) ihr diffuses Gefühl, dass es immer noch ein großes Ungleichgewicht in der Medienpräsenz von Männern und Frauen gibt, mit einer Untersuchung in Zahlen fassen, und die Zahlen, die die Studie ergeben haben, bestätigten dann auch die diffusen Gefühle.
Ich gehöre zu denjenigen, die reflexartig dachten „ja klar, wundert mich gar nicht.“ 
Wollte mir das Interview gar nicht ansehen.
Weil aber dann dauernd kräftig auf Herrn Kleber herumgehackt wurde, habe ich dann doch reingeschaut.
Au weia.
Wer sich je gefragt hat, ob es denn „diesen ganzen Feminismuskram“ noch braucht, der sollte sich das Interview anschauen.
Herr Kleber liefert mit seinen Fragen exakt den Beweis dafür, warum noch lange nicht alles gut ist oder - wie er anhand der positiven Beispiele aus Hollywood zu zeigen versuchte - „sich ja von selbst regelt“.
Ich könnte mich jetzt darüber aufregen, wie furchtbar unhöflich er Frau Furtwängler immer wieder ins Wort gefallen ist, wie respektlos er sie am Ende abgewürgt hat und wie unterirdisch das ganze überhaupt war.
Ich lasse das, denn das Interview ist einfach ein Bilderbuchlehrstückchen in Sachen „warum wir diesen Feminismuskram immer noch brauchen!“.
Quasi vom allerfeinsten.
Interessant sind auch die Reaktionen auf das Interview.
So bekam Maria Furtwängler von vielen Seiten Lob dafür, dass sie die ganze Zeit höflich und freundlich, ja, sogar fröhlich blieb.
Für den österreichischen „Standard“ war sie durch dieses Verhalten jedoch schuld daran (!) dass das Interview kein „interessantes Streitgespräch“ war.
Auch ich selbst (so wie scheinbar drei Viertel der feministischen Filterblase) hat es ja fast von den Stühlen gehauen bei den Fragen und Eingaben von Herrn Kleber, ich habe mir auch spontan gewünscht, dass Frau Furtwängler schärfer zurückgeschossen hätte.
Aber war das in dem Moment ihr Job?
War es so nicht viel eindrücklicher und entlarvender, dass sich ausgerechnet beim gestandenen Topjournalisten und Welterklärer Claus Kleber zeigte, wie die angesprochene Ungleichheit und „Unwucht“ von (vielen) Männern immer noch marginalisiert wird?
Selten sah man den ZDF-Anchorman derart unsouverän und hölzern auftreten, er wirkte fast ein bisschen hilflos, wie er da seine sorgfältig als „provokativ“ gemeinten Kampfbegriffe auf Frau Furtwängler losließ und damit…naja…nichts erreichte, außer einen ziemlich befremdlichen Eindruck zu hinterlassen.


Heute ist der letzte Tag der Tour de France, und an diesem Tag findet auch ein kleineres Frauenradrennen statt. Davon erfährt man in der regulären Berichterstattung original nichts.
Seit ca. vier Jahren verfolgen wir die Tour im TV und ich fragte mich natürlich, warum dort eigentlich keine Frauen mitfahren oder warum es keine weibliche Tour gibt.
Es gab mal eine, ja.
Fragt einfach Google, es ist ein Trauerspiel und hat u. a. mit dem vermeintlich „geringerem Interesse“ der Zuschauerschaft (und somit der in Frage kommenden Sponsoren) zu tun, was Claus Kleber als ein Argument für den geringeren Frauenanteil (in spezifischen, relevanten Positionen) genannt hat.
„Die Zuschauer wollen das ja scheinbar nicht sehen“.
So kann „Mann“ es sich natürlich bequem machen, die Füße hochlegen und in der Nase bohren.
Wozu der ganze Stress Ladies, ihr seht doch, es regelt sich irgendwann von selbst.
Ihr müsst das eben aushalten, dass man Shitstorms auf euch hetzt, wenn ihr euch erdreistet, in den ersten Reihen mitfahren, laufen, sprechen, entscheiden oder kommentieren wollt.
Ich will mich aber nicht aufregen und statt dessen lieber Heldinnen feiern.
Z. B. Katherine Switzer. 
Ohne die gäbe es keine Frauen auf den Marathonstrecken dieser Welt.
Lest mal ihre Biografie „Marathon Woman“, es ist ein faszinierender Augenöffner in Sachen Macht, Feminismus und Ausdauer.
Und auf dem Blog „Bike-Sisters“ gibt es eine kleine Geschichte des Frauenradsports, auch sehr lesenswert.

Let the good times roll und bleibt dran!










Sonntag, 2. Juli 2017

Wie ich mich mit dem Wind versöhnte





Skizze einer Radlerin, die mit einem E-Bike einen steilen Berg hoch flitzt. Zeichnung von Meike Kröger

Ab heute habe ich immer Rückenwind!

Wie das?
Ganz einfach:
Man nehme ein Fahrrad, flansche einen Motor und einen Akku dran - los geht`s!
Naja, ganz so einfach ging es leider nicht, aber so prinzipiell war das der Plan.

Nachdem unser Ziel "ein Jahr ohne Auto" erreicht war, wurde es Zeit für eine Energiebilanz.
Buchstäblich unsere eigene, insbesondere meine.
Das Fazit: Mein körpereigener Akku ist schneller leer, als es mir lieb ist.
Hielt ich mich eigentlich für relativ gut trainiert, kam ich doch gerade bei den Radfahrten mit schwerem Gepäck an meine Grenzen.
Der Wochenendeinkauf, der Sack Blumenerde, dicke Aktenordner...und das ganze dann kombiniert mit den durchaus knackigen Steigungen, die Kiel zu bieten hat - da war ich oft mehr als erschöpft, wenn ich zu Hause war.
Außerdem hatte ich kaum noch Energie für mein Lauftraining über, und das hat dann schonmal auf die Stimmung gedrückt.
Was mich aber oft wirklich fertig gemacht hat, ist der Wind.
Ja, frische Luft und Fahrtwind - toll! 
Aber gerade zum Herbst hin wird es hier wirklich ruppig, dazu kommt fieser Nieselregen, und aus Wind wird Sturm.
Da habe ich mir beim mühseligen bergauf Strampeln oder Schieben insgeheim einen Abschleppdienst für ermattete Radlerinnen herbei gesehnt.
Und neidisch den flotten E-Bikern hinterher geschaut, die mich gelegentlich überholt haben.
Gleichzeitig habe ich gedacht "pah, ich schaff das auch ohne eingebauten Rückenwind, ich bin doch fit!"
Tja, naja.

An der Küste, und besonders in den touristischen Zentren, tummeln sich ja seit einigen Sommern Horden von funktionsbekleideten, gern im Partnerlook auflaufenden (meistens) älteren Pärchen, die ihre nagelneuen Pedelecs (auch gerne im Partnerlook) gleich stapelweise vor den Strandbistros und Hafencafés abstellen, und beim Genuss des alkoholfreien Bierchens argwöhnische Blicke zu ihren monströs teuren Drahteseln schicken, ob da auch bloß niemand das Display klaut oder schlimmeres.
Ja, ich gebe zu: Ich habe mich manchmal ein klitzekleines bisschen drüber lustig gemacht, wobei ich gleichzeitig natürlich in Wirklichkeit neidisch auf die Hightech-Gefährte war, vor allen Dingen auf die, denen man die Technik nicht schon drei Kilometer gegen den Wind ansehen kann.
Aber es war unvorstellbar für mich, selbst so etwas zu besitzen.
Quasi unter meiner Sportlerinnen-Ehre (Sie erinnern sich vielleicht an meinen letzten Post?).
Tja, aber der Sommer ging dahin, und er war wirklich schön, wir haben weite Touren gemacht, ganz ohne Strom, aus eigener Kraft, und wir waren stolz auf uns.
Aber dann kam der Herbst, und der ohnehin schon kräftige und launenhafte Wind legte noch mal einen Zahn zu, er brachte Regen und Hagelschauer mit und machte einem das Radlerleben wirklich manchmal zur Hölle.

Lange Rede kurzer Sinn:
Seit kurzem besitze ich ein nagelneues Pedelec.
Die Sache mit dem "einfach einen Motor und einen Akku an mein Fahrrad dran flanschen" wurde von mir und meinem famosen Autoschrauber-Meister-Bruder tatsächlich angedacht, aber wegen hunderter Kilometer zwischen uns und anderer technischer Hürden wieder verworfen.
Also habe ich gespart, und da wir ja nun keine Unsummen mehr für teure Autoreparaturen, Benzin und KFZ-Steuer rauswerfen müssen, wurde das Unmögliche möglich:
Ich habe mir einen nagelneuen Flitz-O-Maten angeschafft.
Quasi mein erster ganz eigener Firmenwagen, wenn man so will.
Jetzt ist Schluss mit Frust-Schieben.
Denn das feine Wunderding hat sogar eine Schiebehilfe.
Heute bin ich zum ersten Mal unseren "Hausberg" hochgefahren, voll beladen mit dicken Packtaschen.
Es ist unbeschreiblich.
Es ist wirklich so, als würde von hinten jemand schieben, und zwar richtig.
Mit Wumms.
Adieu Muskelkater, willkommen neue Energie!
Davon habe ich ab jetzt nämlich wieder etwas mehr übrig, und abends habe ich sie gleich in einen entspannten kleinen Feierabendlauf investiert.
Mit dem ruppigen Wind habe ich mich auch versöhnt, denn ich habe auch bereits die Kombination starker Gegenwind + Steigung + schweres Gepäck locker-flockig mit 20 km/h gewuppt.
Also nicht ich allein, ist klar.
Ich hab ja jetzt Unterstützung, ich Glückskind.

Und demnächst, wenn wir einen Wochenendausflug zum Strand machen, werde ich mein neues Fahrrad brav zu den Touristen-Partnerlook-Rädern gesellen, mir ein alkoholfreies Bierchen holen, und hin und wieder argwöhnisch zu meinem Bike rüber schielen, ob da wohl jemand mein Display klaut oder schlimmeres.

Prost.



Montag, 26. Juni 2017

Fantastic ohne Runtastic oder wie ich Laufen lernte




Stilisierte gezeichnete Landschaft mit einer Person auf dem Hügel, sie lässt Luftballons steigen. Zeichnung von Meike Kröger

Technik und ich = in meiner fernen Vergangenheit ein absolutes No-Go.
Ebenso Sport und ich.
Genauer gesagt Laufen und ich.
An beides habe ich mich im Laufe der Jahre gewöhnt - ich kann und will nicht mehr ohne.
Und wie immer im Leben kann man es dann auch prima übertreiben.
Mit der Technik und mit dem Sport und vor allen Dingen mit beidem zusammen.
Im Übertreiben bin ich sowieso ziemlich gut, aber ach, ich bin eben so voller Begeisterungsfähigkeit, die schwappt dann hier und da ein wenig über.
Zum Laufen kam ich durch den typischen Weg über Rückenschmerzen, die sich irgendwann nicht mehr aussitzen (im wahrsten Sinne des Wortes, bei meinem Beruf als Goldschmiedin...) ließen und mir eines Tages in Form mehrfacher starker Hexenschüsse die dunkelrote Karte zeigten.
Das ist viele Jahre her, und zusätzlich zum Laufen gehört ein kleines, aber regelmässiges Rückenschule-Programm dazu, und ich bin weitestgehend schmerzfrei.
Als ich mich seinerzeit als Laufanfängerin schnaufend und ziemlich pessimistisch durch die Pampa schleppte, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich etwas später mit eben diesem Laufen gleich das nächste Problemfeld aufmachen würde.
Etwas schlummerte in mir, von dem ich nicht wusste, dass es zu mir gehört:
Ehrgeiz.
Dummerweise zeigt er sich nicht bei Tätigkeiten wie Putzen, Buchführung oder dem Abbau von Wäschebergen. 
Schade eigentlich.
Aber: Er gehört zu mir (*flööööt*) und er hat mich ziemlich ins Straucheln gebracht.
Ich bekam nämlich neben dem Spaß am Laufen großen Spaß an Lauftechnik-Kram.
Pulsuhr, Laufapp, sowas.
Ich war begeistert von Runtastic und war stolz wie Bolle über meine Statistiken - jedenfalls dann, wenn sie sich in die erwünschte Richtung entwickelte.
Will heissen: Gewichtskurve runter, Tempo und Distanz nach oben.
Wehe es ging anders herum, da konnte ich ziemlich schlechte Laune bekommen.
Der Kopf weiss natürlich, dass es ganz normal ist, Schwankungen zu erleben.
Überall und immer.
Niemand kann gleichbleibende Leistungen bringen, und Laufen geht nie ohne Rückschläge, Zwangspausen oder Durststrecken.
Deshalb ist es ja so eine phantastische Sache, wenn man sich durch ein Tief gekämpft hat, wenn man einen Durchhänger überwunden oder nach einer Krankheitspause allmählich wieder in den alten Laufrhythmus kommt.
Runtastic, die Laufapp, meint es immer sehr gut mit einem.
Wenn man länger als eine Woche keine Aktivität geloggt hat, schreibt sie freundlich "hey, wie wär`s wenn Du mal wieder den A... hochkriegst?" (Das stimmt so natürlich nicht, ich übertreibe, s.o.).
Und wenn man eine Strecke gelaufen ist und beim nächsten Training die App startet, dann schlägt sie einem vor, mit sich selbst einen Wettstreit zu beginnen: "Hey, Versuch doch mal, die Strecke etwas schneller zu laufen als beim letzten Mal!"
Und ich war brav.
Habe das manchmal versucht, und manchmal hat es auch geklappt, dann schenkt einem die App einen drolligen kleinen animierten Pokal.
Wenn man es nochmal schafft, die eigene Leistung zu toppen, kriegt man noch ein kleines Feuerwerk.
Schön.
Aber worin die App wirklich schlecht ist, was in diesen Programmen einfach nicht bedacht wird, ist der Umstand, dass man manchmal eigentlich genau den gegenteiligen Schubser braucht.
Es bräuchte eine Funktion, die auch mal auf die Bremse tritt.
Die einem sagt "hey, pass mal ein bisschen auf dich auf, mach doch mal eine Pause und komm nächste Woche wieder!"
Oder - nach einer längeren Pause - wenn man sich dann wieder einloggt und die erste klitzekleine Runde gelaufen ist - dann könnte die App doch schreiben "hey, schön dass du dich mal wieder aufgerafft hast! Fang aber schön langsam wieder an und übertreib es nicht!"
Jaja, ich weiss, das muss man sich alles selbst sagen und vor allen Dingen danach handeln.
Ich gehörte zu dieser Zeit nicht zu denjenigen, die ihre Körpersignale von alleine gut einschätzen können. Deshalb bin ich auch nach wie vor mit der Pulsuhr unterwegs.
Diese hilft mir, mich nicht zu überfordern, denn das geht bei mir ruck-zuck.
Es wird besser, aber hier ist die Technik immer noch eine gute Hilfe für mich.
Von Runtastic habe ich mich verabschiedet.
Ich bin wahnsinnig stolz auf meine gesammelten Werte:

1758 Kilometer habe ich zurück gelegt.
Darunter einige Wettkämpfe (bei denen ich sehr langsam war, aber egal, ich war dabei!)
282 Stunden bin ich gerannt.
113.500 Kalorien habe ich verbrannt.

In Wirklichkeit war es noch viel mehr, weil ich auch zwischendurch immer wieder ohne die App unterwegs war. Oder das GPS ausgefallen ist, oder der Handyakku leer war.
Das war manchmal wirklich schlimm - als wäre man gar nicht gelaufen, als hätte einen jemand irgendwie um die Ergebnisse betrogen.
Ganz schön krass, wie einen Technik beeindrucken kann.
Ich laufe jetzt ein gutes halbes Jahr ohne App und muss ehrlich zugeben:
Anfangs war es nicht einfach, "einfach nur zu laufen" - obwohl es ja genau darum gehen sollte, eigentlich.
Laufen, um gesund zu werden und es zu bleiben.
Ich war mal wieder zu überschwänglich und habe es kräftig übertrieben, wie es meine Art ist.
Und natürlich kann die App nichts dafür.
Ich lerne jetzt also nochmal Laufen, sozusagen.

Runtastic und ich, wir hatten eine coole Zeit zusammen, aber jetzt mach ich mich allein auf den Weg.
Auf die nächsten 1000 Kilometer!