Donnerstag, 27. Juli 2017

Die kleinen Dinge





Heute im Supermarkt um die Ecke:
Das lustige „welches-ist-wohl-die-schnellst-Schlange“ - Spiel an der Kasse, die Leute um mich herum aber recht entspannt.
Man kennt das hier, es kann etwas dauern.
Zu unserem kleinen Supermarkt muss man folgendes sagen:
Er ist etwas ganz besonderes.
Denn hier wird sich Zeit genommen.
Besonders für die vielen alten Leute, die rundherum in den Seniorenwohnungen leben.
An meinem Atelierschaufenster tippeln sie jeden Tag vorbei, manche kenne ich ein wenig, weil ich ihnen ihre Lieblingsperlenkette repariert habe oder einen verbogenen Ohrstift wieder gerade gemacht habe.
Oft gehen sie mehrmals täglich in den Supermarkt.
Im Schneckentempo, den Rollator fest im Griff, dieser Tage oft mit Schirm, die Schultern trotzig gegen den Wind gestemmt.
Mal wird nur die Tageszeitung gekauft, mal der Kuchen für den Nachmittagsbesuch, mal wird das geholt, was beim vorherigen Einkauf vergessen wurde.
So bleibt man in Bewegung, man kriegt mit, was auf der Straße und im Viertel passiert.
Für viele ist es die einzige Strecke, die noch allein zu Fuß bewältigt werden kann.
Immer wieder wird Pause gemacht, verschnauft, überlegt, ob man den Schlüssel eingesteckt hat oder ob man schon das Taschengeld für den Enkel von der Bank geholt hat.
Im Supermarkt, der eng, klein und herrlich unrenoviert ist, arbeiten die nettesten Kassiererinnen und Kassierer, die man sich nur vorstellen kann.
Sie gehen fix die Pfandflasche in den Automaten einwerfen und schnauzen die alte Dame an der Kasse nicht an, weil die sich einfach nicht merken kann, dass man das Altglas nicht mehr bei Menschen sondern bei Robotern abgeben muss.
Wenn man sein Lieblingsshampoo nicht finden kann, dann wird man nicht mit vager Handbewegung irgendwo in den „dritten Gang links“ gescheucht, sondern es kommt jemand mit und zeigt einem, wo es hingeräumt wurde.
Auch heute wieder wurde sich wieder sehr rührend um eine alte Dame gekümmert, die an der Kasse merkte, dass sie Haferflocken und Müllbeutel vergessen hatte.
Macht nix, wurde schnell geholt.
Wenn man es also extrem eilig hat, dann sollte man diesen Supermarkt meiden.
Denn hier arbeiten auch ein paar Menschen, die ein bisschen langsamer sind, denen man anmerkt, dass sie ein paar Probleme mit Rechnen haben (denen fliegt ja mein Herz ohnehin zu, ich kenne das nur zu gut) und die, wie man hier im Norden sagt, hin und wieder ein bisschen „tüddelig“ sind.
Aber wirklich nur ein bisschen, und wenn man nicht rumdrängelt und meckert, dann klappt alles trotzdem.

Es ist manchmal so einfach.




Sonntag, 23. Juli 2017

Radrennen und Feminismus oder wie ich mich nicht aufregte.



Skizze eines TV-Geräts mit rosa Herzen auf dem Bildschrim. Dazu ein Glas Wein. Skizze von Meike Kröger




Neulich im Internet.
Genauer gesagt bei Facebook. Da wurde ein Interwiev herumgereicht, welches ZDF-Mann Claus Kleber mit der Schaupielerin Maria Furtwängler zum Thema Sichtbarkeit und Präsenz von Frauen in den Medien, speziell im Fernsehen, geführt hat.
Wer das nicht angeschaut hat, findet es sicher noch in der Mediathek vom ZDF Heute Journal.
Kurz gefasst, wollte Frau Furtwängler (und offenbar auch andere Menschen) ihr diffuses Gefühl, dass es immer noch ein großes Ungleichgewicht in der Medienpräsenz von Männern und Frauen gibt, mit einer Untersuchung in Zahlen fassen, und die Zahlen, die die Studie ergeben haben, bestätigten dann auch die diffusen Gefühle.
Ich gehöre zu denjenigen, die reflexartig dachten „ja klar, wundert mich gar nicht.“ 
Wollte mir das Interview gar nicht ansehen.
Weil aber dann dauernd kräftig auf Herrn Kleber herumgehackt wurde, habe ich dann doch reingeschaut.
Au weia.
Wer sich je gefragt hat, ob es denn „diesen ganzen Feminismuskram“ noch braucht, der sollte sich das Interview anschauen.
Herr Kleber liefert mit seinen Fragen exakt den Beweis dafür, warum noch lange nicht alles gut ist oder - wie er anhand der positiven Beispiele aus Hollywood zu zeigen versuchte - „sich ja von selbst regelt“.
Ich könnte mich jetzt darüber aufregen, wie furchtbar unhöflich er Frau Furtwängler immer wieder ins Wort gefallen ist, wie respektlos er sie am Ende abgewürgt hat und wie unterirdisch das ganze überhaupt war.
Ich lasse das, denn das Interview ist einfach ein Bilderbuchlehrstückchen in Sachen „warum wir diesen Feminismuskram immer noch brauchen!“.
Quasi vom allerfeinsten.
Interessant sind auch die Reaktionen auf das Interview.
So bekam Maria Furtwängler von vielen Seiten Lob dafür, dass sie die ganze Zeit höflich und freundlich, ja, sogar fröhlich blieb.
Für den österreichischen „Standard“ war sie durch dieses Verhalten jedoch schuld daran (!) dass das Interview kein „interessantes Streitgespräch“ war.
Auch ich selbst (so wie scheinbar drei Viertel der feministischen Filterblase) hat es ja fast von den Stühlen gehauen bei den Fragen und Eingaben von Herrn Kleber, ich habe mir auch spontan gewünscht, dass Frau Furtwängler schärfer zurückgeschossen hätte.
Aber war das in dem Moment ihr Job?
War es so nicht viel eindrücklicher und entlarvender, dass sich ausgerechnet beim gestandenen Topjournalisten und Welterklärer Claus Kleber zeigte, wie die angesprochene Ungleichheit und „Unwucht“ von (vielen) Männern immer noch marginalisiert wird?
Selten sah man den ZDF-Anchorman derart unsouverän und hölzern auftreten, er wirkte fast ein bisschen hilflos, wie er da seine sorgfältig als „provokativ“ gemeinten Kampfbegriffe auf Frau Furtwängler losließ und damit…naja…nichts erreichte, außer einen ziemlich befremdlichen Eindruck zu hinterlassen.


Heute ist der letzte Tag der Tour de France, und an diesem Tag findet auch ein kleineres Frauenradrennen statt. Davon erfährt man in der regulären Berichterstattung original nichts.
Seit ca. vier Jahren verfolgen wir die Tour im TV und ich fragte mich natürlich, warum dort eigentlich keine Frauen mitfahren oder warum es keine weibliche Tour gibt.
Es gab mal eine, ja.
Fragt einfach Google, es ist ein Trauerspiel und hat u. a. mit dem vermeintlich „geringerem Interesse“ der Zuschauerschaft (und somit der in Frage kommenden Sponsoren) zu tun, was Claus Kleber als ein Argument für den geringeren Frauenanteil (in spezifischen, relevanten Positionen) genannt hat.
„Die Zuschauer wollen das ja scheinbar nicht sehen“.
So kann „Mann“ es sich natürlich bequem machen, die Füße hochlegen und in der Nase bohren.
Wozu der ganze Stress Ladies, ihr seht doch, es regelt sich irgendwann von selbst.
Ihr müsst das eben aushalten, dass man Shitstorms auf euch hetzt, wenn ihr euch erdreistet, in den ersten Reihen mitfahren, laufen, sprechen, entscheiden oder kommentieren wollt.
Ich will mich aber nicht aufregen und statt dessen lieber Heldinnen feiern.
Z. B. Katherine Switzer. 
Ohne die gäbe es keine Frauen auf den Marathonstrecken dieser Welt.
Lest mal ihre Biografie „Marathon Woman“, es ist ein faszinierender Augenöffner in Sachen Macht, Feminismus und Ausdauer.
Und auf dem Blog „Bike-Sisters“ gibt es eine kleine Geschichte des Frauenradsports, auch sehr lesenswert.

Let the good times roll und bleibt dran!










Sonntag, 2. Juli 2017

Wie ich mich mit dem Wind versöhnte





Skizze einer Radlerin, die mit einem E-Bike einen steilen Berg hoch flitzt. Zeichnung von Meike Kröger

Ab heute habe ich immer Rückenwind!

Wie das?
Ganz einfach:
Man nehme ein Fahrrad, flansche einen Motor und einen Akku dran - los geht`s!
Naja, ganz so einfach ging es leider nicht, aber so prinzipiell war das der Plan.

Nachdem unser Ziel "ein Jahr ohne Auto" erreicht war, wurde es Zeit für eine Energiebilanz.
Buchstäblich unsere eigene, insbesondere meine.
Das Fazit: Mein körpereigener Akku ist schneller leer, als es mir lieb ist.
Hielt ich mich eigentlich für relativ gut trainiert, kam ich doch gerade bei den Radfahrten mit schwerem Gepäck an meine Grenzen.
Der Wochenendeinkauf, der Sack Blumenerde, dicke Aktenordner...und das ganze dann kombiniert mit den durchaus knackigen Steigungen, die Kiel zu bieten hat - da war ich oft mehr als erschöpft, wenn ich zu Hause war.
Außerdem hatte ich kaum noch Energie für mein Lauftraining über, und das hat dann schonmal auf die Stimmung gedrückt.
Was mich aber oft wirklich fertig gemacht hat, ist der Wind.
Ja, frische Luft und Fahrtwind - toll! 
Aber gerade zum Herbst hin wird es hier wirklich ruppig, dazu kommt fieser Nieselregen, und aus Wind wird Sturm.
Da habe ich mir beim mühseligen bergauf Strampeln oder Schieben insgeheim einen Abschleppdienst für ermattete Radlerinnen herbei gesehnt.
Und neidisch den flotten E-Bikern hinterher geschaut, die mich gelegentlich überholt haben.
Gleichzeitig habe ich gedacht "pah, ich schaff das auch ohne eingebauten Rückenwind, ich bin doch fit!"
Tja, naja.

An der Küste, und besonders in den touristischen Zentren, tummeln sich ja seit einigen Sommern Horden von funktionsbekleideten, gern im Partnerlook auflaufenden (meistens) älteren Pärchen, die ihre nagelneuen Pedelecs (auch gerne im Partnerlook) gleich stapelweise vor den Strandbistros und Hafencafés abstellen, und beim Genuss des alkoholfreien Bierchens argwöhnische Blicke zu ihren monströs teuren Drahteseln schicken, ob da auch bloß niemand das Display klaut oder schlimmeres.
Ja, ich gebe zu: Ich habe mich manchmal ein klitzekleines bisschen drüber lustig gemacht, wobei ich gleichzeitig natürlich in Wirklichkeit neidisch auf die Hightech-Gefährte war, vor allen Dingen auf die, denen man die Technik nicht schon drei Kilometer gegen den Wind ansehen kann.
Aber es war unvorstellbar für mich, selbst so etwas zu besitzen.
Quasi unter meiner Sportlerinnen-Ehre (Sie erinnern sich vielleicht an meinen letzten Post?).
Tja, aber der Sommer ging dahin, und er war wirklich schön, wir haben weite Touren gemacht, ganz ohne Strom, aus eigener Kraft, und wir waren stolz auf uns.
Aber dann kam der Herbst, und der ohnehin schon kräftige und launenhafte Wind legte noch mal einen Zahn zu, er brachte Regen und Hagelschauer mit und machte einem das Radlerleben wirklich manchmal zur Hölle.

Lange Rede kurzer Sinn:
Seit kurzem besitze ich ein nagelneues Pedelec.
Die Sache mit dem "einfach einen Motor und einen Akku an mein Fahrrad dran flanschen" wurde von mir und meinem famosen Autoschrauber-Meister-Bruder tatsächlich angedacht, aber wegen hunderter Kilometer zwischen uns und anderer technischer Hürden wieder verworfen.
Also habe ich gespart, und da wir ja nun keine Unsummen mehr für teure Autoreparaturen, Benzin und KFZ-Steuer rauswerfen müssen, wurde das Unmögliche möglich:
Ich habe mir einen nagelneuen Flitz-O-Maten angeschafft.
Quasi mein erster ganz eigener Firmenwagen, wenn man so will.
Jetzt ist Schluss mit Frust-Schieben.
Denn das feine Wunderding hat sogar eine Schiebehilfe.
Heute bin ich zum ersten Mal unseren "Hausberg" hochgefahren, voll beladen mit dicken Packtaschen.
Es ist unbeschreiblich.
Es ist wirklich so, als würde von hinten jemand schieben, und zwar richtig.
Mit Wumms.
Adieu Muskelkater, willkommen neue Energie!
Davon habe ich ab jetzt nämlich wieder etwas mehr übrig, und abends habe ich sie gleich in einen entspannten kleinen Feierabendlauf investiert.
Mit dem ruppigen Wind habe ich mich auch versöhnt, denn ich habe auch bereits die Kombination starker Gegenwind + Steigung + schweres Gepäck locker-flockig mit 20 km/h gewuppt.
Also nicht ich allein, ist klar.
Ich hab ja jetzt Unterstützung, ich Glückskind.

Und demnächst, wenn wir einen Wochenendausflug zum Strand machen, werde ich mein neues Fahrrad brav zu den Touristen-Partnerlook-Rädern gesellen, mir ein alkoholfreies Bierchen holen, und hin und wieder argwöhnisch zu meinem Bike rüber schielen, ob da wohl jemand mein Display klaut oder schlimmeres.

Prost.



Montag, 26. Juni 2017

Fantastic ohne Runtastic oder wie ich Laufen lernte




Stilisierte gezeichnete Landschaft mit einer Person auf dem Hügel, sie lässt Luftballons steigen. Zeichnung von Meike Kröger

Technik und ich = in meiner fernen Vergangenheit ein absolutes No-Go.
Ebenso Sport und ich.
Genauer gesagt Laufen und ich.
An beides habe ich mich im Laufe der Jahre gewöhnt - ich kann und will nicht mehr ohne.
Und wie immer im Leben kann man es dann auch prima übertreiben.
Mit der Technik und mit dem Sport und vor allen Dingen mit beidem zusammen.
Im Übertreiben bin ich sowieso ziemlich gut, aber ach, ich bin eben so voller Begeisterungsfähigkeit, die schwappt dann hier und da ein wenig über.
Zum Laufen kam ich durch den typischen Weg über Rückenschmerzen, die sich irgendwann nicht mehr aussitzen (im wahrsten Sinne des Wortes, bei meinem Beruf als Goldschmiedin...) ließen und mir eines Tages in Form mehrfacher starker Hexenschüsse die dunkelrote Karte zeigten.
Das ist viele Jahre her, und zusätzlich zum Laufen gehört ein kleines, aber regelmässiges Rückenschule-Programm dazu, und ich bin weitestgehend schmerzfrei.
Als ich mich seinerzeit als Laufanfängerin schnaufend und ziemlich pessimistisch durch die Pampa schleppte, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich etwas später mit eben diesem Laufen gleich das nächste Problemfeld aufmachen würde.
Etwas schlummerte in mir, von dem ich nicht wusste, dass es zu mir gehört:
Ehrgeiz.
Dummerweise zeigt er sich nicht bei Tätigkeiten wie Putzen, Buchführung oder dem Abbau von Wäschebergen. 
Schade eigentlich.
Aber: Er gehört zu mir (*flööööt*) und er hat mich ziemlich ins Straucheln gebracht.
Ich bekam nämlich neben dem Spaß am Laufen großen Spaß an Lauftechnik-Kram.
Pulsuhr, Laufapp, sowas.
Ich war begeistert von Runtastic und war stolz wie Bolle über meine Statistiken - jedenfalls dann, wenn sie sich in die erwünschte Richtung entwickelte.
Will heissen: Gewichtskurve runter, Tempo und Distanz nach oben.
Wehe es ging anders herum, da konnte ich ziemlich schlechte Laune bekommen.
Der Kopf weiss natürlich, dass es ganz normal ist, Schwankungen zu erleben.
Überall und immer.
Niemand kann gleichbleibende Leistungen bringen, und Laufen geht nie ohne Rückschläge, Zwangspausen oder Durststrecken.
Deshalb ist es ja so eine phantastische Sache, wenn man sich durch ein Tief gekämpft hat, wenn man einen Durchhänger überwunden oder nach einer Krankheitspause allmählich wieder in den alten Laufrhythmus kommt.
Runtastic, die Laufapp, meint es immer sehr gut mit einem.
Wenn man länger als eine Woche keine Aktivität geloggt hat, schreibt sie freundlich "hey, wie wär`s wenn Du mal wieder den A... hochkriegst?" (Das stimmt so natürlich nicht, ich übertreibe, s.o.).
Und wenn man eine Strecke gelaufen ist und beim nächsten Training die App startet, dann schlägt sie einem vor, mit sich selbst einen Wettstreit zu beginnen: "Hey, Versuch doch mal, die Strecke etwas schneller zu laufen als beim letzten Mal!"
Und ich war brav.
Habe das manchmal versucht, und manchmal hat es auch geklappt, dann schenkt einem die App einen drolligen kleinen animierten Pokal.
Wenn man es nochmal schafft, die eigene Leistung zu toppen, kriegt man noch ein kleines Feuerwerk.
Schön.
Aber worin die App wirklich schlecht ist, was in diesen Programmen einfach nicht bedacht wird, ist der Umstand, dass man manchmal eigentlich genau den gegenteiligen Schubser braucht.
Es bräuchte eine Funktion, die auch mal auf die Bremse tritt.
Die einem sagt "hey, pass mal ein bisschen auf dich auf, mach doch mal eine Pause und komm nächste Woche wieder!"
Oder - nach einer längeren Pause - wenn man sich dann wieder einloggt und die erste klitzekleine Runde gelaufen ist - dann könnte die App doch schreiben "hey, schön dass du dich mal wieder aufgerafft hast! Fang aber schön langsam wieder an und übertreib es nicht!"
Jaja, ich weiss, das muss man sich alles selbst sagen und vor allen Dingen danach handeln.
Ich gehörte zu dieser Zeit nicht zu denjenigen, die ihre Körpersignale von alleine gut einschätzen können. Deshalb bin ich auch nach wie vor mit der Pulsuhr unterwegs.
Diese hilft mir, mich nicht zu überfordern, denn das geht bei mir ruck-zuck.
Es wird besser, aber hier ist die Technik immer noch eine gute Hilfe für mich.
Von Runtastic habe ich mich verabschiedet.
Ich bin wahnsinnig stolz auf meine gesammelten Werte:

1758 Kilometer habe ich zurück gelegt.
Darunter einige Wettkämpfe (bei denen ich sehr langsam war, aber egal, ich war dabei!)
282 Stunden bin ich gerannt.
113.500 Kalorien habe ich verbrannt.

In Wirklichkeit war es noch viel mehr, weil ich auch zwischendurch immer wieder ohne die App unterwegs war. Oder das GPS ausgefallen ist, oder der Handyakku leer war.
Das war manchmal wirklich schlimm - als wäre man gar nicht gelaufen, als hätte einen jemand irgendwie um die Ergebnisse betrogen.
Ganz schön krass, wie einen Technik beeindrucken kann.
Ich laufe jetzt ein gutes halbes Jahr ohne App und muss ehrlich zugeben:
Anfangs war es nicht einfach, "einfach nur zu laufen" - obwohl es ja genau darum gehen sollte, eigentlich.
Laufen, um gesund zu werden und es zu bleiben.
Ich war mal wieder zu überschwänglich und habe es kräftig übertrieben, wie es meine Art ist.
Und natürlich kann die App nichts dafür.
Ich lerne jetzt also nochmal Laufen, sozusagen.

Runtastic und ich, wir hatten eine coole Zeit zusammen, aber jetzt mach ich mich allein auf den Weg.
Auf die nächsten 1000 Kilometer!



Sonntag, 23. April 2017

Ich war dann mal weg. Stippvisite im Kloster Nütschau

Heute nehm ich Euch mit ins Kloster.

Zeichnung vom Kloster Nütschau

Eine Idee, die mir schon länger im Kopf herum geschwirrt ist, habe ich nun endlich umsetzen können - mal ein paar Tage in einem Kloster wohnen.
Um eine andere Art der Ruhe auszuprobieren, aber auch aus Neugier.
Als eine, die Religion und Kirche nach langer Abstinenz und Kirchenaustritt nun aus respektvoller Distanz (lesen, fragen, lernen) betrachtet, war mir nun danach, mal näher ran zu zoomen.
Und da nach einer wirklich sehr hektischen Phase im Atelier kleine Freiheit eine echte Pause nötig wurde, habe ich spontan drei Tage im Kloster Nütschau gebucht.
Mich hat die Internetrecherche dorthin geführt (andere würden sagen, das war "Gott") und ich kann nur sagen:
Es wird nicht mein letzter Besuch dort gewesen sein.
Der Weg dorthin ist für mich von Kiel aus locker in zwei Stunden gemacht, entspanntes Zuckeln mit der Regionalbahn, und dann mit dem Anrufsammeltaxi vom Bahnhof Bad Oldesloe nach Nütschau.
Das besteht aus dem Kloster und einer Handvoll Häuser drum herum.
Das Kloster selbst ist ein altes Herrenhaus mit einem modernen Anbau, in dem die Mönche leben.
Dazu kommen verschiedene Häuser, in denen Gäste wohnen und Seminare stattfinden.
Drum herum:
Landschaft, Gegend, Natur pur.
Seen, hügelige Wiesen, Wald, Moor, Büffel.
So ein kleiner Wanderwaltschrat wie ich hat da sofort das Kribbeln in den Füssen.
Dummerweise aber war ich ernsthaft so platt, dass an große Wanderungen nicht zu denken war.
Das ist schon Punkt 1 auf meiner "was ich lernen will" - Liste:
Damit zu Rande kommen, dass ich Grenzen habe.
Klingt banal, ist aber höllisch schwer umzusetzen.
Aber nun war ich dort, bezog mein kleines, aber sehr freundliches Zimmerchen und habe mich gleich eine halbe Stunde hingesetzt und den Meisen beim Nestbau zugeschaut.
Ich hatte nämlich aus dem 2. Stock einen traumhaften Blick in einen rosa blühenden Baum.
Dann habe ich das Gelände erkundet und dabei den ersten Mönch meines Lebens getroffen.
Mit schwarzem Habit, der im ruppigen Aprilwind sehr beeindruckend hinter ihm flatterte.
Es war Bruder Elija, der für die Betreuung der Gäste verantwortlich ist, und so wurde mir direkt kräftig die Hand geschüttelt und ein "herzlich Willkommen" entgegen gerufen (wie gesagt, fast orkanartige Böen).
Später sah ich ihn wieder über den Klosterhof eilen, das Smartphone am Ohr.
Drastischer kann man "alt trifft neu" wohl nicht illustrieren.
Wobei Bruder Elija durchaus nicht alt ist, er ist mein Jahrgang.
Aber das schwarze Mönchsgewand, das ruft in mir unwissender Person natürlich erstmal eher altertümliche Assoziationen hervor.
Aber darum war ich ja unter anderem hier:
Ich wollte wissen, wie man das heute so zusammen bringt - das uralte Ritual der Stundengebete, die zölibatäre Lebensform, die Gemeinschaft in Abgeschiedenheit (wobei die Mönche des Benediktinerordens Gastfreundschaft ganz oben in der Ordensregel haben und auch danach leben) - und dann das Zusammentreffen mit uns "einfachen" Menschen, die dort mit ihren privaten Sorgen und Nöten kommen und zeitweise aus ihrem Alltagswahnsinn fliehen.
Natürlich sind 2 1/2 Tage nicht im entferntesten dazu geeignet, das alles zu erfassen.
Mein Fazit ist daher sehr einfach:
Sie kriegen das dort offenbar sehr gut hin.
Noch nie habe ich mich innerhalb so kurzer Zeit so sehr entspannt und gelöst.
Alles ist für die Gäste ein "alles kann, nichts muss" und das funktioniert.
Man kann, wenn man will, dort ankommen und dann mit niemandem mehr sprechen. Es gibt für die "Gäste im Schweigen" einen eigenen Bereich, auch zum Essen (welches super ist!), aber er ist nicht isoliert, sodass man, wenn man doch etwas Anschluss braucht, problemlos welchen findet.
Einen Aufenthalt im Schweigen habe ich mir für den ersten Versuch nicht zugetraut, obwohl mir eigentlich danach war.
Beim nächsten Mal weiss ich, was mich erwartet, vielleicht traue ich mich dann.
Man kann, wenn man will, an allen Stundengebeten der Mönche teilnehmen, aber es gibt keine Pflicht.
Ich habe mir bis auf die Morgengebete alle einmal angeschaut, und dazu schreibe ich vielleicht noch mal einen eigenen Blogbeitrag.
Es bleibt für mich eine fremde Welt, aber ich habe einmal mehr gespürt, wieviel diese alten Rituale manchen Menschen bedeuten und wie sie ihnen helfen.
Was mir auch vorher ein bisschen Kopfzerbrechen gemacht hat:
Mit lauter wildfremden Menschen zusammen essen.
Ich bin, was viele, die mich kennen (oder zu kennen glauben, haha) immer wieder erstaunt, sehr schüchtern.
Ich brauche lange, um auf andere zugehen zu können (im Job nicht, da ticke ich merkwürdigerweise anders) und warte lieber, bis mich jemand anspricht.
Das stand auch in schöner Regelmässigkeit in meinen Schulzeugnissen:
"Sehr still, steht auf dem Schulhof oft abwartend am Rand, arbeitet mündlich zu wenig mit".
Davon ist wohl noch einiges übrig geblieben.
Aber gerade deshalb habe ich meinem Drang, dort ganz im Schweigen zu sein, widerstanden. Das hätte sich ein bisschen nach "ich drück mich vor den neuen Begegnungen" angefühlt.
Und die Begegnungen, die ich dann hatte, waren allesamt wirklich locker, sehr bereichernd und schön, sodass ich am Ende das Gefühl hatte, mit einem richtigen kleinen Schatz an neuen Erfahrungen nach Hause fahren zu dürfen.
Ich hatte Ruhe und Stille, wo ich sie brauchte, und Lachen und Quatschen, wo es sich manchmal ganz unverhofft ergab.
Und ich fand bei einem meiner Spaziergänge aus Versehen ein Geocache. Auch eine Premiere.
Dann hörte ich noch von einem Schwan namens Nils, der dort als einsamer Schwanenmann auf dem Klostergelände lebte, und der abends zur Vesper - Andacht gerne mit dem Schnabel an die bodentiefen Kirchenfenster pochte.
Man organisierte ihm eine Schwanenfrau zur Gesellschaft und Familiengründung, jedoch wurden die beiden keine Freunde, und die Schwanendame wurde ausserdem recht schnell von einem hungrigen Fuchs gerissen.
Also blieb auch Nils der Schwan für den Rest seines Lebens ohne Frau.
Passt ja irgendwie, wenn "Mann" auf dem Klostergelände wohnt.

Halleluja Baby!

Donnerstag, 19. Januar 2017

Für Papa oder wie ich damit aufhörte, wütend zu sein.


Für Papa.

Rock`n Roll.
Oder "erst die Arbeit...und dann"

alte Fotografie meines Vaters, wie er Gitarre spielt und sich wie ein Rockstar benimmt.

Heute wäre mein Vater 68 70 alt geworden, wenn ihn nicht vor sieben Jahren ein verflucht böser Krebs aus dem Leben gerissen hätte.
In diesen sieben Jahren, und genau genommen auch schon in den den knapp zwei Jahren davor, in denen die Krankheit und (fast) nichts als die Krankheit sein und unser Leben fest im Griff hatte, ist so viel passiert, dass ich eine Menge davon schon wieder vergessen habe.
Was ich aber nie vergesse, weil ich es jeden Tag sehe, ist die Kunst, die mein Vater kurz vor seinem Tod in der Maltherapie gemacht hat.
Er, der ewige Workaholic, der immer und immer die Arbeit an die erste Stelle gesetzt hat, wollte immer so gerne malen und künstlerisch tätig sein. Und kam erst dazu, als er schon fast keinen Stift mehr festhalten konnte.
Besser spät als nie...aber musste es denn verdammt noch mal so spät sein, wo sein Leben schon fast zu Ende war???

Aquarellbild mit bunten Blättern und weissen Linien.


Ich bin nicht mehr wütend jetzt.
Warum?
Ich weiss es nicht.
Es ist nicht mehr wichtig.
Da, wo die Wut war, ist nur noch ein kleiner Schorf.
Er tut immer noch weh, aber nicht mehr so schlimm.
Die Wut ist verraucht, es bleibt nur noch Asche, und die soll ja bekanntlich gut für den Boden sein, fruchtbar, damit was neues draus wachsen kann.
Herrje, das ist jetzt doch pathetisch.
Egal.
Gefällt mir die Idee, dass meine ganze Wut vielleicht doch für was gut ist am Ende, für den Neuanfang.
Ach komm, jetzt hör aber auf. Was denn für einen Neuanfang?
Weiss noch nicht.
Das ist doch kitschig.
Ja, macht doch nix, ich kuck ja auch gerne Traumschiff.
What, echt jetzt???
Yep.

Ich glaube nicht daran, dass es so etwas wie eine Seele von meinem Vater gibt, die irgendwo irgendwie weiter existiert und schon irgendwie mitkriegt, dass ich nicht mehr wütend bin.
Vorsichtshalber sag ich`s ihm aber trotzdem mal.

"Hallo Papa. Ich bin nicht mehr wütend. Danke für alles.
Ich hoffe, Du hast jetzt Zeit für alles, was Du immer so gerne machen wolltest.
Gitarre spielen, malen, ganz viel Essen und Wein trinken.
An die Nordsee fahren.
Uns in Kiel besuchen.
Gesundheitsberater sein.
Immer genug Butter im Kühlschrank haben.
Und Sahne.
Und dass Du alles tun kannst, von dem Du uns nie erzählt hast.
Ich schätze das ist eine ganze Menge.
Mach`s gut."

...

Nachtrag:
Ich hab das ja nicht so mit den Zahlen.
Danke Mama für den Hinweis mit der 70.

Einer meiner Brüder erinnerte mich dann noch daran, dass mein Vater seine geliebte Butter auf gar keinen Fall im Kühlschrank hatte. Sie musste immer schön weich sein.




















Montag, 16. Januar 2017

Rollin' home oder wie ich zum Hackenporsche kam

Leben ohne Auto.
Wollte ich ja schon länger mal drüber schreiben.
Autos sind ja eine super Erfindung, aber mir haben sie trotzdem immer eher Angst eingejagt oder zumindest sehr großen Respekt gemacht.
Als ich in dem Alter war, als um mich herum viele Leute ihren "Lappen" machten, hatte ich a) kein Geld und b) keine Ambitionen, mir welches extra für den Führerschein zu erjobben.
Gebraucht hab ich ihn auch nicht, ich fuhr meist Bus und Bahn und hatte durch das Semesterticket auch recht erschwinglichen Zugang zu diesen Fortbewegungsmitteln.
Mein erster Freund durfte dann irgendwann das Auto seiner Mutter fahren, und wir haben sehr sehr lustige Sachen damit erlebt.
Ich kann sagen, ein Auto kann äusserst hilfreich sein, wenn man Zelturlaub auf einer Nodseeinsel macht und es nachts derart stürmt und regnet, dass man sich selbst samt (klatschnassem) Zelt in die kleine rote Blechkugel verpacken kann und zumindest nicht weg fliegt.
Und klar, später dann, als mein Mann und ich einen schwarzen flauschigen Fellbären (hach...) namens Willi zu uns genommen haben, da habe sogar ich irgendwann Spaß am Auto fahren gekriegt.
Wenn dann irgendwann aus dem jungen Wildfang ein krankes und altes Hundetier geworden ist und man nicht in der Stadt wohnt, ist es sogar oft undenkbar, ohne Auto zu sein.
Und, lange her, in den ersten Jahren unserer Selbständigkeit, als das "Atelier kleine Freiheit" noch keine feste Homebase hatte und wir jedes Jahr auf Kunsthandwerkermärkten, Ausstellungen und Messen unterwegs waren, was hätten wir da nur ohne unseren fabelhaften Kangoo gemacht!
Wenn nur diese Blechkisten nicht immer irgendwann ihre Zicken und Macken kriegen würden, die einem die letzten Haare vom Kopf fressen, einem schlaflose Nächte bereiten und Fragen von wahrhaft existenziellem Ausmaß aufzwingen...
Als es das letzte Mal soweit war, dass wieder die Diskussion entbrannte, wie es mit dem in die Jahre gekommen Gefährt weiter gehen sollte, entschieden wir uns dazu, es endlich mal ganz ohne Auto zu versuchen.
Der Fellbär im Hundehimmel, die Wanderjahre mit dem Atelier vorbei...also los, jetzt oder nie!
Das war ungefähr im Mai, ist also jetzt knapp acht Monate her.
Seither haben sich unsere Fahrradkilometer vervielfacht, wir kennen fast das ganze Busliniennetz auswendig und schrecken auch nicht davor zurück, sperrige Sachen per Lieferdienst zu bestellen.
Da wir halb im Dorf wohnen, ausserdem auf einer ziemlichen Anhöhe, müssen wir schon recht gut planen und und organisieren, was wann wohin transportiert werden muss, und obwohl wir durchaus keine unsportlichen Leute sind, ging das zwischenzeitlich ganz schön auf die Energiebilanz.
Platt, schachmatt und wirklich erschöpft - da war erstmal nix von wegen "ich bin so fit wie nie zuvor!"
Wir fabulierten von E-Bikes und nahmen auch mal ein Taxi.
Besonders der Wind hier an der Küste macht mir gerne mal zu schaffen, er bläst, da bin ich mir ganz sicher, mit voller Absicht immer entgegen meiner Fahrtrichtung.
Mistkerl.

Wir haben uns vorgenommen, es ein Jahr ohne Auto zu versuchen.
Bisher ist die Bilanz trotz Pannen, kleinen Unfällen und Null-Bock-Phasen äusserst positiv.
Dank lieber Freundinnen und Freunde mit Autos lassen sich in besonderen Fällen auch grössere Transporte machen, und man staunt immer wieder, was alles in ordentliche Fahrradtaschen passt.
Fast wie bei Hermine Granger in "Harry Potter", die ganze Bibliotheken oder auch mal ein Zelt in ihrer Zauberhandtasche verschwinden lassen kann.

Seit heute habe ich einen Hackenporsche.
Weil ich seit meinem kleinen Eis-Malheur immer noch nicht gerne Rad fahre, solange es glatt ist.
Also stapfe ich jetzt mit dem kleinen Rollvehikel los und kann dann mit meinem Einkauf direkt bis vor den Kühlschrank fahren.
That's Luxus, Baby!