Sonntag, 23. April 2017

Ich war dann mal weg. Stippvisite im Kloster Nütschau

Heute nehm ich Euch mit ins Kloster.

Zeichnung vom Kloster Nütschau

Eine Idee, die mir schon länger im Kopf herum geschwirrt ist, habe ich nun endlich umsetzen können - mal ein paar Tage in einem Kloster wohnen.
Um eine andere Art der Ruhe auszuprobieren, aber auch aus Neugier.
Als eine, die Religion und Kirche nach langer Abstinenz und Kirchenaustritt nun aus respektvoller Distanz (lesen, fragen, lernen) betrachtet, war mir nun danach, mal näher ran zu zoomen.
Und da nach einer wirklich sehr hektischen Phase im Atelier kleine Freiheit eine echte Pause nötig wurde, habe ich spontan drei Tage im Kloster Nütschau gebucht.
Mich hat die Internetrecherche dorthin geführt (andere würden sagen, das war "Gott") und ich kann nur sagen:
Es wird nicht mein letzter Besuch dort gewesen sein.
Der Weg dorthin ist für mich von Kiel aus locker in zwei Stunden gemacht, entspanntes Zuckeln mit der Regionalbahn, und dann mit dem Anrufsammeltaxi vom Bahnhof Bad Oldesloe nach Nütschau.
Das besteht aus dem Kloster und einer Handvoll Häuser drum herum.
Das Kloster selbst ist ein altes Herrenhaus mit einem modernen Anbau, in dem die Mönche leben.
Dazu kommen verschiedene Häuser, in denen Gäste wohnen und Seminare stattfinden.
Drum herum:
Landschaft, Gegend, Natur pur.
Seen, hügelige Wiesen, Wald, Moor, Büffel.
So ein kleiner Wanderwaltschrat wie ich hat da sofort das Kribbeln in den Füssen.
Dummerweise aber war ich ernsthaft so platt, dass an große Wanderungen nicht zu denken war.
Das ist schon Punkt 1 auf meiner "was ich lernen will" - Liste:
Damit zu Rande kommen, dass ich Grenzen habe.
Klingt banal, ist aber höllisch schwer umzusetzen.
Aber nun war ich dort, bezog mein kleines, aber sehr freundliches Zimmerchen und habe mich gleich eine halbe Stunde hingesetzt und den Meisen beim Nestbau zugeschaut.
Ich hatte nämlich aus dem 2. Stock einen traumhaften Blick in einen rosa blühenden Baum.
Dann habe ich das Gelände erkundet und dabei den ersten Mönch meines Lebens getroffen.
Mit schwarzem Habit, der im ruppigen Aprilwind sehr beeindruckend hinter ihm flatterte.
Es war Bruder Elija, der für die Betreuung der Gäste verantwortlich ist, und so wurde mir direkt kräftig die Hand geschüttelt und ein "herzlich Willkommen" entgegen gerufen (wie gesagt, fast orkanartige Böen).
Später sah ich ihn wieder über den Klosterhof eilen, das Smartphone am Ohr.
Drastischer kann man "alt trifft neu" wohl nicht illustrieren.
Wobei Bruder Elija durchaus nicht alt ist, er ist mein Jahrgang.
Aber das schwarze Mönchsgewand, das ruft in mir unwissender Person natürlich erstmal eher altertümliche Assoziationen hervor.
Aber darum war ich ja unter anderem hier:
Ich wollte wissen, wie man das heute so zusammen bringt - das uralte Ritual der Stundengebete, die zölibatäre Lebensform, die Gemeinschaft in Abgeschiedenheit (wobei die Mönche des Benediktinerordens Gastfreundschaft ganz oben in der Ordensregel haben und auch danach leben) - und dann das Zusammentreffen mit uns "einfachen" Menschen, die dort mit ihren privaten Sorgen und Nöten kommen und zeitweise aus ihrem Alltagswahnsinn fliehen.
Natürlich sind 2 1/2 Tage nicht im entferntesten dazu geeignet, das alles zu erfassen.
Mein Fazit ist daher sehr einfach:
Sie kriegen das dort offenbar sehr gut hin.
Noch nie habe ich mich innerhalb so kurzer Zeit so sehr entspannt und gelöst.
Alles ist für die Gäste ein "alles kann, nichts muss" und das funktioniert.
Man kann, wenn man will, dort ankommen und dann mit niemandem mehr sprechen. Es gibt für die "Gäste im Schweigen" einen eigenen Bereich, auch zum Essen (welches super ist!), aber er ist nicht isoliert, sodass man, wenn man doch etwas Anschluss braucht, problemlos welchen findet.
Einen Aufenthalt im Schweigen habe ich mir für den ersten Versuch nicht zugetraut, obwohl mir eigentlich danach war.
Beim nächsten Mal weiss ich, was mich erwartet, vielleicht traue ich mich dann.
Man kann, wenn man will, an allen Stundengebeten der Mönche teilnehmen, aber es gibt keine Pflicht.
Ich habe mir bis auf die Morgengebete alle einmal angeschaut, und dazu schreibe ich vielleicht noch mal einen eigenen Blogbeitrag.
Es bleibt für mich eine fremde Welt, aber ich habe einmal mehr gespürt, wieviel diese alten Rituale manchen Menschen bedeuten und wie sie ihnen helfen.
Was mir auch vorher ein bisschen Kopfzerbrechen gemacht hat:
Mit lauter wildfremden Menschen zusammen essen.
Ich bin, was viele, die mich kennen (oder zu kennen glauben, haha) immer wieder erstaunt, sehr schüchtern.
Ich brauche lange, um auf andere zugehen zu können (im Job nicht, da ticke ich merkwürdigerweise anders) und warte lieber, bis mich jemand anspricht.
Das stand auch in schöner Regelmässigkeit in meinen Schulzeugnissen:
"Sehr still, steht auf dem Schulhof oft abwartend am Rand, arbeitet mündlich zu wenig mit".
Davon ist wohl noch einiges übrig geblieben.
Aber gerade deshalb habe ich meinem Drang, dort ganz im Schweigen zu sein, widerstanden. Das hätte sich ein bisschen nach "ich drück mich vor den neuen Begegnungen" angefühlt.
Und die Begegnungen, die ich dann hatte, waren allesamt wirklich locker, sehr bereichernd und schön, sodass ich am Ende das Gefühl hatte, mit einem richtigen kleinen Schatz an neuen Erfahrungen nach Hause fahren zu dürfen.
Ich hatte Ruhe und Stille, wo ich sie brauchte, und Lachen und Quatschen, wo es sich manchmal ganz unverhofft ergab.
Und ich fand bei einem meiner Spaziergänge aus Versehen ein Geocache. Auch eine Premiere.
Dann hörte ich noch von einem Schwan namens Nils, der dort als einsamer Schwanenmann auf dem Klostergelände lebte, und der abends zur Vesper - Andacht gerne mit dem Schnabel an die bodentiefen Kirchenfenster pochte.
Man organisierte ihm eine Schwanenfrau zur Gesellschaft und Familiengründung, jedoch wurden die beiden keine Freunde, und die Schwanendame wurde ausserdem recht schnell von einem hungrigen Fuchs gerissen.
Also blieb auch Nils der Schwan für den Rest seines Lebens ohne Frau.
Passt ja irgendwie, wenn "Mann" auf dem Klostergelände wohnt.

Halleluja Baby!

Donnerstag, 19. Januar 2017

Für Papa oder wie ich damit aufhörte, wütend zu sein.


Für Papa.

Rock`n Roll.
Oder "erst die Arbeit...und dann"

alte Fotografie meines Vaters, wie er Gitarre spielt und sich wie ein Rockstar benimmt.

Heute wäre mein Vater 68 70 alt geworden, wenn ihn nicht vor sieben Jahren ein verflucht böser Krebs aus dem Leben gerissen hätte.
In diesen sieben Jahren, und genau genommen auch schon in den den knapp zwei Jahren davor, in denen die Krankheit und (fast) nichts als die Krankheit sein und unser Leben fest im Griff hatte, ist so viel passiert, dass ich eine Menge davon schon wieder vergessen habe.
Was ich aber nie vergesse, weil ich es jeden Tag sehe, ist die Kunst, die mein Vater kurz vor seinem Tod in der Maltherapie gemacht hat.
Er, der ewige Workaholic, der immer und immer die Arbeit an die erste Stelle gesetzt hat, wollte immer so gerne malen und künstlerisch tätig sein. Und kam erst dazu, als er schon fast keinen Stift mehr festhalten konnte.
Besser spät als nie...aber musste es denn verdammt noch mal so spät sein, wo sein Leben schon fast zu Ende war???

Aquarellbild mit bunten Blättern und weissen Linien.


Ich bin nicht mehr wütend jetzt.
Warum?
Ich weiss es nicht.
Es ist nicht mehr wichtig.
Da, wo die Wut war, ist nur noch ein kleiner Schorf.
Er tut immer noch weh, aber nicht mehr so schlimm.
Die Wut ist verraucht, es bleibt nur noch Asche, und die soll ja bekanntlich gut für den Boden sein, fruchtbar, damit was neues draus wachsen kann.
Herrje, das ist jetzt doch pathetisch.
Egal.
Gefällt mir die Idee, dass meine ganze Wut vielleicht doch für was gut ist am Ende, für den Neuanfang.
Ach komm, jetzt hör aber auf. Was denn für einen Neuanfang?
Weiss noch nicht.
Das ist doch kitschig.
Ja, macht doch nix, ich kuck ja auch gerne Traumschiff.
What, echt jetzt???
Yep.

Ich glaube nicht daran, dass es so etwas wie eine Seele von meinem Vater gibt, die irgendwo irgendwie weiter existiert und schon irgendwie mitkriegt, dass ich nicht mehr wütend bin.
Vorsichtshalber sag ich`s ihm aber trotzdem mal.

"Hallo Papa. Ich bin nicht mehr wütend. Danke für alles.
Ich hoffe, Du hast jetzt Zeit für alles, was Du immer so gerne machen wolltest.
Gitarre spielen, malen, ganz viel Essen und Wein trinken.
An die Nordsee fahren.
Uns in Kiel besuchen.
Gesundheitsberater sein.
Immer genug Butter im Kühlschrank haben.
Und Sahne.
Und dass Du alles tun kannst, von dem Du uns nie erzählt hast.
Ich schätze das ist eine ganze Menge.
Mach`s gut."

...

Nachtrag:
Ich hab das ja nicht so mit den Zahlen.
Danke Mama für den Hinweis mit der 70.

Einer meiner Brüder erinnerte mich dann noch daran, dass mein Vater seine geliebte Butter auf gar keinen Fall im Kühlschrank hatte. Sie musste immer schön weich sein.




















Montag, 16. Januar 2017

Rollin' home oder wie ich zum Hackenporsche kam

Leben ohne Auto.
Wollte ich ja schon länger mal drüber schreiben.
Autos sind ja eine super Erfindung, aber mir haben sie trotzdem immer eher Angst eingejagt oder zumindest sehr großen Respekt gemacht.
Als ich in dem Alter war, als um mich herum viele Leute ihren "Lappen" machten, hatte ich a) kein Geld und b) keine Ambitionen, mir welches extra für den Führerschein zu erjobben.
Gebraucht hab ich ihn auch nicht, ich fuhr meist Bus und Bahn und hatte durch das Semesterticket auch recht erschwinglichen Zugang zu diesen Fortbewegungsmitteln.
Mein erster Freund durfte dann irgendwann das Auto seiner Mutter fahren, und wir haben sehr sehr lustige Sachen damit erlebt.
Ich kann sagen, ein Auto kann äusserst hilfreich sein, wenn man Zelturlaub auf einer Nodseeinsel macht und es nachts derart stürmt und regnet, dass man sich selbst samt (klatschnassem) Zelt in die kleine rote Blechkugel verpacken kann und zumindest nicht weg fliegt.
Und klar, später dann, als mein Mann und ich einen schwarzen flauschigen Fellbären (hach...) namens Willi zu uns genommen haben, da habe sogar ich irgendwann Spaß am Auto fahren gekriegt.
Wenn dann irgendwann aus dem jungen Wildfang ein krankes und altes Hundetier geworden ist und man nicht in der Stadt wohnt, ist es sogar oft undenkbar, ohne Auto zu sein.
Und, lange her, in den ersten Jahren unserer Selbständigkeit, als das "Atelier kleine Freiheit" noch keine feste Homebase hatte und wir jedes Jahr auf Kunsthandwerkermärkten, Ausstellungen und Messen unterwegs waren, was hätten wir da nur ohne unseren fabelhaften Kangoo gemacht!
Wenn nur diese Blechkisten nicht immer irgendwann ihre Zicken und Macken kriegen würden, die einem die letzten Haare vom Kopf fressen, einem schlaflose Nächte bereiten und Fragen von wahrhaft existenziellem Ausmaß aufzwingen...
Als es das letzte Mal soweit war, dass wieder die Diskussion entbrannte, wie es mit dem in die Jahre gekommen Gefährt weiter gehen sollte, entschieden wir uns dazu, es endlich mal ganz ohne Auto zu versuchen.
Der Fellbär im Hundehimmel, die Wanderjahre mit dem Atelier vorbei...also los, jetzt oder nie!
Das war ungefähr im Mai, ist also jetzt knapp acht Monate her.
Seither haben sich unsere Fahrradkilometer vervielfacht, wir kennen fast das ganze Busliniennetz auswendig und schrecken auch nicht davor zurück, sperrige Sachen per Lieferdienst zu bestellen.
Da wir halb im Dorf wohnen, ausserdem auf einer ziemlichen Anhöhe, müssen wir schon recht gut planen und und organisieren, was wann wohin transportiert werden muss, und obwohl wir durchaus keine unsportlichen Leute sind, ging das zwischenzeitlich ganz schön auf die Energiebilanz.
Platt, schachmatt und wirklich erschöpft - da war erstmal nix von wegen "ich bin so fit wie nie zuvor!"
Wir fabulierten von E-Bikes und nahmen auch mal ein Taxi.
Besonders der Wind hier an der Küste macht mir gerne mal zu schaffen, er bläst, da bin ich mir ganz sicher, mit voller Absicht immer entgegen meiner Fahrtrichtung.
Mistkerl.

Wir haben uns vorgenommen, es ein Jahr ohne Auto zu versuchen.
Bisher ist die Bilanz trotz Pannen, kleinen Unfällen und Null-Bock-Phasen äusserst positiv.
Dank lieber Freundinnen und Freunde mit Autos lassen sich in besonderen Fällen auch grössere Transporte machen, und man staunt immer wieder, was alles in ordentliche Fahrradtaschen passt.
Fast wie bei Hermine Granger in "Harry Potter", die ganze Bibliotheken oder auch mal ein Zelt in ihrer Zauberhandtasche verschwinden lassen kann.

Seit heute habe ich einen Hackenporsche.
Weil ich seit meinem kleinen Eis-Malheur immer noch nicht gerne Rad fahre, solange es glatt ist.
Also stapfe ich jetzt mit dem kleinen Rollvehikel los und kann dann mit meinem Einkauf direkt bis vor den Kühlschrank fahren.
That's Luxus, Baby!

Donnerstag, 5. Januar 2017

Kopfarbeit und Nudeln. Über "Eat, Pray, Love"



gezeichneter Kopf, aus dem ein Wirrwar von Blättern, Gedanken und Blitzen hervor quillt. Von Meike Kröger


Vor einiger Zeit schrieb ich in mein altes Blog schonmal über meine (bislang vergeblichen) Versuche, so etwas wie meine "innere Mitte" zu finden.
Ich muss wohl ein Bedürfnis danach haben, obwohl ich sehr gerne darüber spotte und eine meiner wagemutigen Thesen ist, dass wir alle (in der verwöhnten westlichen Wohlstandswelt) einfach zu viel Zeit haben, zu grübeln und den Sinn des Lebens zu suchen oder Rosinen mit Achtsamkeitsaufmerksamkeit zu zerkauen.
Vielleicht liegt es am älter werden, aber das ganze Gehetze und Gedrängel, was man so um sich herum und mit sich selbst erlebt, erschöpft sogar mich gelegentlich.
Und da ich obendrein noch zur nachdenklichen und skeptischen Spezies gehöre, schaltet mein Kopf auch nicht mal so eben auf Tiefenentspannung um.
Da hab ich gemerkt: Ich brauche Hilfe.
Es gab schon ein paar Testläufe mit Meditationsapps, und yay, das klappt ganz gut. Ich habe es sogar schon einmal geschafft, dass goldglitzernde Wärme von irgendwo über meinem Kopf durch mich hindurch floss. Spooky.
Meist jedoch kämpfe ich wahlweise mit meinem linken Auge, das immer wieder von alleine aufgehen will, oder mit eingeschlafenen Beinen, oder ich schaffe es gar nicht erst, mich für zehn oder fünfzehn Minuten zum meditieren hinzusetzen.
Irgendwas ist ja immer.
Aber - und das ist das erstaunliche - ich lasse offensichtlich nicht nach, es immer wieder zu probieren. So, wie irgendwann das Laufen zu einem Bedürfnis geworden ist, ist es nun auch der Versuch, hin und wieder zu innerer Ruhe zu finden.
Ob die in meiner "Mitte" zu finden ist oder in meinem linken kleinen Zeh, ist mir mittlerweile egal. Hauptsache, ich kriege sie am Rockzipfel zu fassen und kann sie für einen Moment oder zwei bei mir behalten.
Als damals der Film "Eat, Pray, Love" in die Kinos kam, haben wir uns den angeschaut, mehr wegen der Reiseeindrücke als wegen der Selbstfindungsstory, die mir im Film als reichlich klischeehaft und langweilig in Erinnerung geblieben ist. Nichts reizte mich damals, es mit der Romanvorlage von Elizabeth Gilbert zu probieren.
Allein das Wort "Pray" reichte mir ja ausserdem schon, einen weiten Bogen darum zu machen.
Als mir irgendwann klar wurde, dass ich Atheistin bin, aber eine, die religiöse Gefühle verstehen kann, war das eine Weile sehr kompliziert.
Weil wir uns in unserer Gesellschaft so schwer tun mit unklaren Zuständen, mit Uneindeutigkeit oder mit Unfertigkeit.
Immer soll alles so oder so sein, entweder oder, entscheide Dich, eier nicht so rum. Du kannst doch nicht Atheistin sein und trotzdem zum Taizé gehen. Well, yes, I can.
Und ich kann auch weiterhin Bauchweh bei vielen Worten und Textpassagen haben, aber dann auch wieder unbeschreibliche Glücksmomente erleben, wenn ich in die Musik eintauche und alle zusammen einen Klangkörper bilden.
Zurück zu "Eat, Pray, Love".
Irgendwann in letzter Zeit flatterte mal wieder ein Textauszug aus dem Roman an mir vorbei, und ich kriegte doch Lust, das Buch zu lesen.
Ich fürchte, ich bin gerade mein eigenes Klischee, wenn ich nun schreibe, dass ich wohl genau jetzt bereit dafür bin (ich krieg schon eine Stresspustel. Frau, bald Mitte vierzig, come on!).
Tatsächlich aber hat mich schon lange kein Buch mehr derart gepackt und mir "das könnte ich sein" - Momente beschert.
Allein das hat dazu geführt, dass es erstmal wieder in die Ecke flog, ich fand es eine Unverschämtheit, wie passend das alles erschien.
Dieses sich-ertappt oder, positiver - erkannt fühlen, das ist gewöhnungsbedürftig für mich.
Liz, die wunderbar unheldinnenhafte Heldin der Geschichte, sucht Gott und tiefe Spiritualität. Das tue ich nun definitiv nicht, aber es gibt trotzdem Überschneidungen.
Sie schreibt Sätze über diese Suche, die für mich (manchmal) eins zu eins auf Forschung und Wissenschaft (meine spät entdeckten großen Lieben) passen. Es geht um nichts weniger als das Universum und wie es funktioniert, und wie man selber darin klarkommen kann als kleines Ameisenwesen. Für Liz geht es dabei um Gott und Spiritualität (und Ameisenwesen), für mich um Neutronensterne und rote Riesen (und Ameisenwesen).
Naja, und um innere Ruhe, weil der Rest des Universums eben so einen Radau macht, dass es manchmal zum verrückt werden ist.
Das tolle ist: Liz ist unheimlich selbstironisch, und es gibt wirklich viel zu lachen im Buch.
Und es ist nicht so süßholzmässig-belehrend verfasst wie viele andere Bücher, die solche Themen behandeln, besonders nicht, wenn es um die westliche Lebensweise geht, die so gerne verteufelt und gebasht wird von denen, die in den Erleuchtungstopf gefallen sind und sich ein bisschen zu voll gefuttert haben und sich zur Verdauung an neuen Feindbildern abarbeiten müssen.

Ich habe es noch gar nicht durchgelesen, aber ich habe für den Moment eine virtuelle Freundin gefunden, die genauso mit sich und ihrer Unfähigkeit zu kämpfen hat wie ich, sich auf wahre innere Ruhe einzulassen, die wahnsinnig gerne zuviel isst, die immer alles wissen will und die allmählich lernt, weniger streng mit sich zu sein.
Letzteres ist, finde ich, eine der schwierigsten Angelegenheiten.
Aber ich lerne auch das.
Und lasse mein linkes Auge nun eben einfach auf, wenn es denn beim meditieren offen sein will.
Und ich werde definitiv wieder mehr Pasta essen.

gezeichnetet Teller voller Spaghetti mit Tonatensauce. Dazu ein Glas Rotwein. Von Meike Kröger



Samstag, 3. Dezember 2016

Schutzengel. Aus Gründen.

Ich hab das eigentlich nicht so mit Engeln.
Oder anderen übernatürlichen Wesen.
Im Allgemeinen stehe ich vermeintlich höheren Mächten skeptisch bis kritisch gegenüber, mag den Zufall lieber als das Schicksal "TM" und werde regelmäßig fuchtig, wenn meine Liebe zu Sternen und Astronomie mit Sterndeuterei und Astrologie verwechselt wird.
Das liegt vielleicht daran, dass ich als Kind in einen Zaubertrank gefallen bin (oder reingeworfen wurde...) der ziemlich voll war mit Esoterik und "anderen Ebenen der Erkenntnis" und sowas, und es hat einige Jahre meines Erwachsenenlebens gebraucht, da heraus zu klettern und mich frei zu schwimmen.
Es folgte eine Phase heftiger Ablehnung, bis ich, altersweise wie ich ja jetzt bin (Scherz), in einem Zustand angekommen bin, in dem ich es wieder aushalten kann, mich mit den schönen Seiten (auch und gerade meiner eigenen) von Irrationalität zu befassen.
Eines meiner Lieblingsbücher aus Kinder - und Jugendtagen war "Engel" von Sulamith Wülfing.
Ach, wie ich schon den Namen dieser Frau geliebt habe...Su-la-mith...
Das Büchlein ist klein und drin waren unglaublich filigrane Illustrationen von Engeln und Gedichte, von Rilke oder Morgenstern.
Ich konnte mich da gar nicht dran satt sehen.
Ich habe das mal gegoogelt und finde es heute eher kitschig und schwülstig, aber das zeichnerische Handwerk, das kann ich immer noch bewundern.
Aber warum überhaupt jetzt Engel?
Also das kam so.
In meinem Goldschmiedeatelier werde ich immer wieder gefragt, ob ich auch Schutzengel vorrätig habe.
Zur Taufe, zum Schulabschluss oder für ganz andere, sehr persönliche Anlässe.
Nein, hab ich nicht, war dann immer meine Antwort.
Ich hatte diese Himmelswesen einfach nicht mehr auf dem Radar.
Ebensowenig habe ich Kreuze oder andere religiöse Schmucksymbole in meinem Repertoire, was rein wirtschaftlich wahrscheinlich unklug ist, da auch so etwas relativ oft angefragt wird.
Irgendwas in mir sperrte sich bis vor kurzem dagegen, dieses Terrain (wieder) zu betreten.
Engel, ja, da hatte ich schon öfters mal Ideen.
Und ich mag ja auch sehr gerne sowas wie Talismane, Glückszahlen oder das Kribbeln, wenn etwas passiert, was man als Zeichen für XYZ deuten könnte.
Ich kann mit dem klarsten Kopf und sehr rational davon überzeugt sein, dass Begegnung A mit Ereignis B rein zufällig zusammen gefallen ist, und mir herleiten, dass die Erkenntnis über Ereignis C allein durch den Rückschaufehler so plausibel erscheint, und gleichzeitig erfreue ich mich an einem uralten verknickten Foto einer Geldbörse, welches ich als Glücksbringer seit Beginn meiner Selbständigkeit in meinen wechselnden Portemonnaies herumschleppe.
Auch wenn ich genau weiss, dass es kompletter Unsinn ist, stelle ich mir gern vor, dass es ein gutes Zeichen ist, dass in fast zehn Jahren Selbständigkeit alles mögliche verschollen ist, aber ausgerechnet dieses Papierstückchen nicht verloren gegangen ist.
Ein Zeichen, klarer Fall, oder?
Nein, aber die Idee ist schön.
Womit ich endlich wieder zu den Engeln komme.
Die Idee der Schutzengel, die finde ich nämlich auch sehr schön.
Und nachdem ich kürzlich wirklich unverschämtes Glück hatte, und auch im FreundInnenkreis davon erzählte, da war es wieder:
"Mensch, da hattest Du aber einen guten Schutzengel!"
Nein, ich glaube nicht, aber es ist schön, sich so etwas vorzustellen.
Und so habe ich mal den Stift gezückt und mir ein paar Engel ausgedacht.
Sie sind ein bisschen krakelig, haben noch nicht so den letzten Schliff, aber sie dürfen hier im Internet schonmal ein bisschen probefliegen.
Ich glaube ich mag sie, und heute habe ich die ersten Versuche aus Silber gesägt.
Mal sehen.


Freitag, 11. November 2016

Freiheit auf zwei Rädern (blaue Flecke inbegriffen)


Eigentlich wollte ich heute eine Lobrede auf das Radfahren schreiben.
Weil wir nämlich (aus vielerlei Gründen) sei einem halben Jahr ohne Auto leben und das ziemlich prima finden.
Mit Einschränkungen natürlich, aber die Freiheiten machen das bisher mehr als wett.
Moment - Freiheiten, weil man kein Auto mehr hat?
Ja, richtig.
Man ist frei von Parkplatzproblemen, frei von Rasern und Dränglern, frei von Staus, frei von bedrohlichen Anrufen aus der Autowerkstatt ("Entschuldigung, aber Sie müssen wohl eher mit 1.000,- als mit 700,- rechnen"...*bääääng goes the Urlaubsreise*).
Sowas eben.
Natürlich ist man auch eingeschränkt.
Man kommt zum Beispiel ziemlich schlecht zur Schwiegermutter an die dänische Grenze.
Und man kann ordentlich Pech haben, wenn der ausgeklügelte Streckenplan wegen Verspätung zusammenbricht.
Oder man kann sich doof anstellen und eine halbe Ewigkeit an der falschen Bushaltestelle rumstehen und irgendwann dem Bus auf der anderen Straßenseite hinterher gucken.
Oder - man kann sich noch doofer anstellen, und trotz Frost und Eis auf der Straße mit dem Rad losfahren.
Heute ist nämlich Freitag, und freitags kämpfe ich immer gegen den Sport-Schweinehund.
An diesem Freitag habe ich ihn glorreich besiegt und mich voll motiviert aus dem Bett geschwungen.
Ja, draussen war Rauhreif.
Und so weisses Glitzern auf den Dächern.
Und die Leute haben an ihren Autos herum gekratzt.
Aber deshalb muss man doch nicht gleich Bus fahren, oder?
Es war so schön sonnig, ein herrlicher Wintermorgen.
Also rauf auf`s Rad, Sporttasche an den Sattel geklemmt und los.
Naja, es war schon etwas glatt, aber mir kamen Mütter mit Fahrrad und Kindern im Kindersitz entgegen, und wenn DIE sich das trauen...
Rückblickend frage ich mich, was diese Mütter nur geritten hat, und kann nur hoffen, dass sie mehr Glück hatten als ich.
Also.
Gesagt getan, den Berg runter gerollt (sehr vorsichtig und leicht gebremst) um dann schön konzentriert in die Kurve zu gehen.
Tja.
Das war`s dann erstmal mit Sport und Kniebeugen.
Unsere Trainierin *liebt* Kniebeugen (wir hassen sie alle, also die Kniebeugen, nicht die Trainerin) aber es soll ja gut sein für die Knie.
Erstmal beugen sich meine Knie überhaupt nicht mehr irgendwohin, sie sind jetzt nämlich dick und blau, weil ich auf ihnen gefühlte fünf Meter (was waren wohl zwei) über Eis geschliddert bin, nachdem ich wenig elegant aus der Kurve gerutscht bin und mein Fahrrad gegen den Bordstein dengelte.
Ich habe sowas von unverschämt Glück gehabt.
Es ist eine viel befahrene Kurve, und freitags morgens ist da wirklich einiges los.
Aber ich bin ganz für mich allein verunfallt, kein Auto, kein Bus, der das ganze unvorstellbar schlimm hätte machen können.
Puh.
PUH.
Ich hab mich also wieder aufgerappelt, meine Knie befühlt, die einfach nur taub waren aber irgendwie benutzbar erschienen, und hab mein leicht verbogenes Rad wieder nach Haus geschoben.
Mir dort einen superstarken Kaffee gekocht, meine Knie inspiziert (uh oh, das sieht nicht hübsch aus), mit Coolpacks vollgestapelt und ein Taxi gerufen.
Zum Bus marschieren wollte ich dann doch nicht.
Das Taxi kam verspätet und wir haben dann eine Stunde gebraucht (normalerweise sind es zehn Minuten) um zum Atelier zu kommen.
Weil mal wieder irgendwo eine Vollsperrung war.
Ich war kurz verzweifelt, aber dann war es eine total nette Fahrt, auf der ich ganz viel über Ägypten und Palästina gelernt habe, weil dort die Familie des Taxifahrers lebt.
Tja.
So wird das heute erstmal nix mit dem Loblied aufs Radfahren.
Da muss ich wohl noch etwas üben.
Schmerz lass nach :-(

Zeichnung einer Radfahrerin, die einen Berg herunter fährt. Von Meike Kröger







Donnerstag, 3. November 2016

Ab auf die Matte oder der Kampf gegen den Schweinehund

Sport.
War nie meine Stärke.
Aber ich bin von alleine halt auch nicht die stärkste oder fitteste.
Keine Sportgene in der Familie.
Also muss ich da was machen, wenn mir nicht dauernd was weh tun soll.
Rücken und so.
Goldschmieden macht man ja die meiste Zeit über im Sitzen.
Bloggen auch. Und auch Zeichnen oder Stricken.
Hätte nicht gedacht, dass Sport eines Tages eine Notwendigkeit in meinem Leben sein würde.
Ich bin eine "SeTra", das heisst "Selten Trainiererin" weil ich es nur einmal in der Woche ins Studio schaffe.
Ich finde das sollte "Einmal-ist-besser-als-keinmal-Trainiererin" heissen, das fände ich viel motivierender.
Immerhin gehe ich einmal die Woche brav zum Rückenfit.
Mit lauter älteren bis alten sehr netten Leuten, die, ähnlich wie ich, mit Zumba oder Tae-Bo komplett überfordert sind, aber sehr ernsthaft und konzentriert bei der allerbesten Trainerin ihre Wirbelsäulengymnastik absolvieren.
Sie schafft es, uns schlappen Haufen morgens um halb neun dazu zu bringen, uns wirklich anzustrengen, uns Mühe zu geben und wacker einbeinig auf wackeligen Wabbelkissen zu balancieren.
Es ist jedes Mal das gleiche Prozedere.
Donnerstag Abend:
Sporttasche packen.
Stolz ins Bett gehen, weil man sich so super vorbereitet fühlt.
Freitag früh:
Im Bett rumquälen und nach Ausreden suchen, die das Schwänzen der Stunde zwingend rechtfertigen würden.
Sich dabei furchtbar mies und feige fühlen, und dann doch (meistens...) mutig raus aus den Federn.
Schnelles Frühstück, dann rauf aufs Rad und eine halbe Stunde durch den Morgen radeln (Hochgefühl weil man sich aufgerafft hat).
Rückenstunde absolvieren, Lob abholen (wichtig wichtig!) und dann:
Sauna. Ganz kurz, weil der Laden ja pünktlich aufgeschlossen werden will.
Es gibt dann manchmal so kurze Blitzmomente, in denen ich mir vorkomme wie eine dieser taffen Businessfrauen aus den Magazinen, die (natürlich ohne das ganze Rumgejammer) vor dem zehnstündigen Joballtag (und nachdem sie ihre drei wohlgeratenen Kinder zur KiTa gebracht haben) noch "schnell eine Stunde ins Gym gehen" um sich dann locker und gestärkt dem Tag zu stellen.
Naja.
Bei mir geht's wieder rauf auf's Rad und im Eiltempo zur Arbeit und dann bin ich erstmal schachmatt.
Aber stolz bin ich.
Und es tut nichts weh.
Das ist es wert, jeden Freitag auf's neue.
Mal sehen wer morgen früh gewinnt.
Der Schweinehund oder ich...