Montag, 24. Oktober 2016

Gegen die (eigene) Feigheit. Gedanken zu Carolin Emckes Rede

Gestern wurde die Rede der diesjährigen Preisträgerin des Friedenspreises des deutschen Buchhandels im TV übertragen, und seither wird sie durch das Internet gereicht.
Natürlich wird auch in den einschlägigen großen Medien dazu Stellung bezogen, u. a. auch kritisch, z. B. hier.
Ich habe Carolin Emckes Buch "Gegen den Hass" auf meiner Wunschliste, denn ich erhoffe mir davon konkrete Ansätze, wie man Hass entgegen treten kann.
Ob ich welche finden werde, die mir persönlich helfen könnten, weiss ich ja noch nicht.
Die Rede fand ich berührend und stark.
Die Kritik, dass das ganze mehr eine Selbstbestätigung für diejenigen ist, die sich ohnehin schon auf der "richtigen Seite" wähnen, kann ich vom Ansatz her zwar nachvollziehen, jedoch fand ich befremdlich, wie schnell sich schon wieder gegen vermeintliches Gutmenschentum empört wurde.
Nunja, jede*r kann sich ja selbst ein Bild machen.
Was mich ganz grundsätzlich sofort bei dem Buchtitel "Gegen den Hass" umgetrieben hat, ist eine alte Frage:
Wie schafft man es, z. B. als schüchterner Mensch (=ich) mit dem alltäglich sichtbar und erlebbaren Hass umzugehen, ihm etwas entegegen zu setzen - auch wenn er mich erstmal gar nicht unbedingt selbst betrifft, ich aber Zeugin werde und gerne etwas tun oder sagen würde, mir aber wahlweise spontan nichts einfällt, oder ich mich nicht traue...?
Dabei meine ich die vielen kleinen und großen Gemeinheiten, die so passieren.
Rassistische und diskriminierende.
Der Busfahrer, der den Bus nicht absenkt, wenn draussen eine kopftuchtragende Muslima mit Kinderwagen steht und einsteigen will.
Die Kassiererin, die dem ausländischen Kunden, der nicht gut Deutsch versteht, mit unverholener Verachtung das Wechselgeld herausgibt.
Die alte Bekannte, die neuerdings rassistische Kommentare loslässt. Oder die eigene Kundin, die sich, bei mir im Atelier Zustimmung heischend, echauffiert, dass es ja "fast nur noch Behindertenparkplätze" gibt und man als "normaler Mensch" ja gar nicht mehr wüsste, wohin mit dem Auto.
Es ist gar nicht so, dass ich nicht durchaus auch mal den Mund aufmache und mich einmische oder kontere.
Besonders bei solch absurden Behauptungen wie der letzteren.
Aber irgendwie beschleicht mich, besonders in der Öffentlichkeit, immer wieder das ungute Gefühl, dass viele (ich nehme mich nicht aus) doch schneller wegschauen, sich lieber nicht einmischen, froh sind, wenn es jemand anderes tut.
Denn, darin scheint "man" sich ja einig zu sein:
So kann es nicht bleiben, wir brauchen mehr Zivilcourage, wir dürfen "denen" ja nicht das Feld überlassen.
Nur selber tut man sich so oft so schwer.
Warum eigentlich?
Fehlen uns die Vorbilder?
Die Anerkennung?
Ich weiss es nicht.
Es geht ja nicht jedes Mal gleich um Handgreiflichkeiten, um den großen Straßenkampf.
Es geht darum, bei all diesen Alltagsrassismen und Diskriminierungen, deren Zeugin oder Zeuge wir werden, die eigene Schüchternheit zu überwinden, die Ängstlichkeit zu besiegen.
Denn die ist, vermutlich, sehr weit verbreitet.
Wir (bzw. sehr viele) sind eher keine Heldinnen und Helden.
Manchmal müssen wir an die Hand genommen werden, brauchen einen Schubs.
Carolin Emcke hat mit ihrer Rede eine fantastische Denkvorlage geliefert.
Mir wird sie vielleicht helfen, auch in der Alltagspraxis mutiger zu werden und gegen die eigene Feigheit anzukämpfen, damit  die Botschaft von "Gegen den Hass" da ankommt, wo er im ganz kleinen seine fiesen Widerhaken setzen will:
In unser aller Alltag.

Samstag, 22. Oktober 2016

Schwere Kost

Leider hat der Tag zu wenig Stunden, um alles lesen zu können, was auf der langen Liste steht.
Aber da wir seit einem guten halben Jahr ohne Auto leben (das ist eine eigene Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll) und ich daher mehr mit Bus und Bahn unterwegs bin, findet sich wieder öfters Zeit, die Liste auf dem Weg zur Arbeit abzuarbeiten.
Dank Kindle und Tablet klappt es jetzt ja auch, ausladende Schwergewichte wie eine "Zeit" im Bus zu lesen, ohne dabei die Sitznachbarin vom Sessel zu fegen, und auch Monsterschwarten wie "Game of Thrones - the complete Edition" liegen nicht wie Backsteine in der Tasche, sondern verstecken ihre viele tausend Seiten elegant zwischen den Deckeln meines Kindle.
Soweit nix neues.
Neu ist für mich, dass ich mich derart an die digitalen Formate gewöhnt habe, dass ich mich buchstäblich schwer damit tue, wenn mal wieder analog Lesen dran ist, besonders wenn es um schwere Hardcover geht.
Zugegeben, die großen Wälzer sind oft wunderschön und - das schafft kein Ebook:
Allein die Dicke und das Gewicht erzeugen bei mir Vorfreude und eine Art Ehrfurcht vor dem, was vor mir liegt.
Ich arbeite mich gerade durch die zauberhafte Welt von Harry Potter, dicke Klötze von (ich habe es gewogen!) rund einem Kilo.
Bekamen wir freundlicherweise von einer lieben Freundin ausgeliehen, und jetzt gibt's mal wieder Lesemuckis!
Aber hallo.
Dieses  ehrfürchtige "Wow -Gefühl" vermittelt mir kein Download, auch nicht die leise Wehmut, wenn das Buch dem Ende zugeht und der verbleibende Seitenstapel immer dünner wird.
Die Anzeige "noch 20%" oder "Lesefortschritt = 80%" sagen mir zwar faktisch das gleiche, aber es ist doch ein ganz anderes Gefühl.
Das Papierbuch.
Es stirbt nicht.
Das ist schön.
Und doch...
Ich schätze, ich werde mir eines Tages die englische Version von Harry Potter zulegen.
Als Download.
Dann kann ich diese fantastischen Geschichten auch im Bus lesen und mich wegzaubern, wenn um mich herum muffelige Muggel meckern, weil der Busfahrer mal wieder töffelig fährt.
Zu Harry Potter:
Der Hype ging seinerzeit komplett an mir vorbei.
Jetzt hole ich es nach und bin eigentlich schon von der ersten Seite an ein Fan.
Und natürlich flog mein Herz sofort zu Hermine, der Büchernerdin mit leicht übersteigertem Wissensdurst und Hang zur Klugscheisserei.
Und ohne Angst.
Eine tolle Heldin.
So, weg bin ich.
Es warten noch mindestens 800 Gramm in Teil V "der Orden des Phönix"

Freitag, 14. Oktober 2016

Blogs sind tot. Grüße aus der Gruft.


Wer mich kennt weiss, dass ich Podcasts liebe.
Und erstaunlicherweise bin ich damit in meinem Real-Life-Freundeskreis immer noch eine ziemliche Exotin.
Ich werde gerade deshalb natürlich weiter gnadenlos meine Leidenschaft teilen, damit nerven und Hörbefehle aussprechen, auch wenn die meist ignoriert werden.
Nun hatte ich also neulich bei der Arbeit mal wieder einen Knopf im Ohr und lauschte Alexandra Tobor und Holger Klein beim Plauschen über dies und das.
Und plötzlich fiel mir fast der Hammer aus der Hand (ich höre Podcasts fast immer bei der Arbeit) als Alexandra Tobor mit Verve und Überzeugung verkündete:

Blogs sind tot.
(Es folgten auch Begründungen, die ich aber über den Schrecken vergessen habe).

Es traf mich deshalb so ins Mark, da ich seit einiger Zeit darüber nachgedacht habe, mein altes Blog wieder aufleben zu lassen (was technisch gar nicht geht, aber egal, here we go...) und mir den Kopf darüber zerbrach, ob das wirklich so eine gute Idee ist und wer das denn überhaupt lesen soll.
Immerhin war ich nach all der Grübelei zu dem Schluss gekommen, dass ich es wirklich will.
Bloggen.
Ich habe es über fünf Jahre lang wirklich geliebt, auch wenn es nur eine Handvoll Leser*innen gab.
Es war irgendwie mein digitales zu Hause.
Da wollte ich wieder einziehen.
Ausgemistet und entstaubt hatte ich ja schon, hatte den "delete" Button mit Begeisterung gedrückt.
Und dann das.
Nun ja.
Zum Glück weiss ich, dass Frau Tobor nicht recht hat.
Ich kenne genug Blogs, die alles andere als tot sind.
Meiner war es aber.
Ich erhebe mich also aus der Gruft und winke mit knöcherner Hand...huhuuuuu...................


To be continued.