Freitag, 11. November 2016

Freiheit auf zwei Rädern (blaue Flecke inbegriffen)


Eigentlich wollte ich heute eine Lobrede auf das Radfahren schreiben.
Weil wir nämlich (aus vielerlei Gründen) sei einem halben Jahr ohne Auto leben und das ziemlich prima finden.
Mit Einschränkungen natürlich, aber die Freiheiten machen das bisher mehr als wett.
Moment - Freiheiten, weil man kein Auto mehr hat?
Ja, richtig.
Man ist frei von Parkplatzproblemen, frei von Rasern und Dränglern, frei von Staus, frei von bedrohlichen Anrufen aus der Autowerkstatt ("Entschuldigung, aber Sie müssen wohl eher mit 1.000,- als mit 700,- rechnen"...*bääääng goes the Urlaubsreise*).
Sowas eben.
Natürlich ist man auch eingeschränkt.
Man kommt zum Beispiel ziemlich schlecht zur Schwiegermutter an die dänische Grenze.
Und man kann ordentlich Pech haben, wenn der ausgeklügelte Streckenplan wegen Verspätung zusammenbricht.
Oder man kann sich doof anstellen und eine halbe Ewigkeit an der falschen Bushaltestelle rumstehen und irgendwann dem Bus auf der anderen Straßenseite hinterher gucken.
Oder - man kann sich noch doofer anstellen, und trotz Frost und Eis auf der Straße mit dem Rad losfahren.
Heute ist nämlich Freitag, und freitags kämpfe ich immer gegen den Sport-Schweinehund.
An diesem Freitag habe ich ihn glorreich besiegt und mich voll motiviert aus dem Bett geschwungen.
Ja, draussen war Rauhreif.
Und so weisses Glitzern auf den Dächern.
Und die Leute haben an ihren Autos herum gekratzt.
Aber deshalb muss man doch nicht gleich Bus fahren, oder?
Es war so schön sonnig, ein herrlicher Wintermorgen.
Also rauf auf`s Rad, Sporttasche an den Sattel geklemmt und los.
Naja, es war schon etwas glatt, aber mir kamen Mütter mit Fahrrad und Kindern im Kindersitz entgegen, und wenn DIE sich das trauen...
Rückblickend frage ich mich, was diese Mütter nur geritten hat, und kann nur hoffen, dass sie mehr Glück hatten als ich.
Also.
Gesagt getan, den Berg runter gerollt (sehr vorsichtig und leicht gebremst) um dann schön konzentriert in die Kurve zu gehen.
Tja.
Das war`s dann erstmal mit Sport und Kniebeugen.
Unsere Trainierin *liebt* Kniebeugen (wir hassen sie alle, also die Kniebeugen, nicht die Trainerin) aber es soll ja gut sein für die Knie.
Erstmal beugen sich meine Knie überhaupt nicht mehr irgendwohin, sie sind jetzt nämlich dick und blau, weil ich auf ihnen gefühlte fünf Meter (was waren wohl zwei) über Eis geschliddert bin, nachdem ich wenig elegant aus der Kurve gerutscht bin und mein Fahrrad gegen den Bordstein dengelte.
Ich habe sowas von unverschämt Glück gehabt.
Es ist eine viel befahrene Kurve, und freitags morgens ist da wirklich einiges los.
Aber ich bin ganz für mich allein verunfallt, kein Auto, kein Bus, der das ganze unvorstellbar schlimm hätte machen können.
Puh.
PUH.
Ich hab mich also wieder aufgerappelt, meine Knie befühlt, die einfach nur taub waren aber irgendwie benutzbar erschienen, und hab mein leicht verbogenes Rad wieder nach Haus geschoben.
Mir dort einen superstarken Kaffee gekocht, meine Knie inspiziert (uh oh, das sieht nicht hübsch aus), mit Coolpacks vollgestapelt und ein Taxi gerufen.
Zum Bus marschieren wollte ich dann doch nicht.
Das Taxi kam verspätet und wir haben dann eine Stunde gebraucht (normalerweise sind es zehn Minuten) um zum Atelier zu kommen.
Weil mal wieder irgendwo eine Vollsperrung war.
Ich war kurz verzweifelt, aber dann war es eine total nette Fahrt, auf der ich ganz viel über Ägypten und Palästina gelernt habe, weil dort die Familie des Taxifahrers lebt.
Tja.
So wird das heute erstmal nix mit dem Loblied aufs Radfahren.
Da muss ich wohl noch etwas üben.
Schmerz lass nach :-(

Zeichnung einer Radfahrerin, die einen Berg herunter fährt. Von Meike Kröger







Donnerstag, 3. November 2016

Ab auf die Matte oder der Kampf gegen den Schweinehund

Sport.
War nie meine Stärke.
Aber ich bin von alleine halt auch nicht die stärkste oder fitteste.
Keine Sportgene in der Familie.
Also muss ich da was machen, wenn mir nicht dauernd was weh tun soll.
Rücken und so.
Goldschmieden macht man ja die meiste Zeit über im Sitzen.
Bloggen auch. Und auch Zeichnen oder Stricken.
Hätte nicht gedacht, dass Sport eines Tages eine Notwendigkeit in meinem Leben sein würde.
Ich bin eine "SeTra", das heisst "Selten Trainiererin" weil ich es nur einmal in der Woche ins Studio schaffe.
Ich finde das sollte "Einmal-ist-besser-als-keinmal-Trainiererin" heissen, das fände ich viel motivierender.
Immerhin gehe ich einmal die Woche brav zum Rückenfit.
Mit lauter älteren bis alten sehr netten Leuten, die, ähnlich wie ich, mit Zumba oder Tae-Bo komplett überfordert sind, aber sehr ernsthaft und konzentriert bei der allerbesten Trainerin ihre Wirbelsäulengymnastik absolvieren.
Sie schafft es, uns schlappen Haufen morgens um halb neun dazu zu bringen, uns wirklich anzustrengen, uns Mühe zu geben und wacker einbeinig auf wackeligen Wabbelkissen zu balancieren.
Es ist jedes Mal das gleiche Prozedere.
Donnerstag Abend:
Sporttasche packen.
Stolz ins Bett gehen, weil man sich so super vorbereitet fühlt.
Freitag früh:
Im Bett rumquälen und nach Ausreden suchen, die das Schwänzen der Stunde zwingend rechtfertigen würden.
Sich dabei furchtbar mies und feige fühlen, und dann doch (meistens...) mutig raus aus den Federn.
Schnelles Frühstück, dann rauf aufs Rad und eine halbe Stunde durch den Morgen radeln (Hochgefühl weil man sich aufgerafft hat).
Rückenstunde absolvieren, Lob abholen (wichtig wichtig!) und dann:
Sauna. Ganz kurz, weil der Laden ja pünktlich aufgeschlossen werden will.
Es gibt dann manchmal so kurze Blitzmomente, in denen ich mir vorkomme wie eine dieser taffen Businessfrauen aus den Magazinen, die (natürlich ohne das ganze Rumgejammer) vor dem zehnstündigen Joballtag (und nachdem sie ihre drei wohlgeratenen Kinder zur KiTa gebracht haben) noch "schnell eine Stunde ins Gym gehen" um sich dann locker und gestärkt dem Tag zu stellen.
Naja.
Bei mir geht's wieder rauf auf's Rad und im Eiltempo zur Arbeit und dann bin ich erstmal schachmatt.
Aber stolz bin ich.
Und es tut nichts weh.
Das ist es wert, jeden Freitag auf's neue.
Mal sehen wer morgen früh gewinnt.
Der Schweinehund oder ich...