Donnerstag, 19. Januar 2017

Für Papa oder wie ich damit aufhörte, wütend zu sein.


Für Papa.

Rock`n Roll.
Oder "erst die Arbeit...und dann"

alte Fotografie meines Vaters, wie er Gitarre spielt und sich wie ein Rockstar benimmt.

Heute wäre mein Vater 68 70 alt geworden, wenn ihn nicht vor sieben Jahren ein verflucht böser Krebs aus dem Leben gerissen hätte.
In diesen sieben Jahren, und genau genommen auch schon in den den knapp zwei Jahren davor, in denen die Krankheit und (fast) nichts als die Krankheit sein und unser Leben fest im Griff hatte, ist so viel passiert, dass ich eine Menge davon schon wieder vergessen habe.
Was ich aber nie vergesse, weil ich es jeden Tag sehe, ist die Kunst, die mein Vater kurz vor seinem Tod in der Maltherapie gemacht hat.
Er, der ewige Workaholic, der immer und immer die Arbeit an die erste Stelle gesetzt hat, wollte immer so gerne malen und künstlerisch tätig sein. Und kam erst dazu, als er schon fast keinen Stift mehr festhalten konnte.
Besser spät als nie...aber musste es denn verdammt noch mal so spät sein, wo sein Leben schon fast zu Ende war???

Aquarellbild mit bunten Blättern und weissen Linien.


Ich bin nicht mehr wütend jetzt.
Warum?
Ich weiss es nicht.
Es ist nicht mehr wichtig.
Da, wo die Wut war, ist nur noch ein kleiner Schorf.
Er tut immer noch weh, aber nicht mehr so schlimm.
Die Wut ist verraucht, es bleibt nur noch Asche, und die soll ja bekanntlich gut für den Boden sein, fruchtbar, damit was neues draus wachsen kann.
Herrje, das ist jetzt doch pathetisch.
Egal.
Gefällt mir die Idee, dass meine ganze Wut vielleicht doch für was gut ist am Ende, für den Neuanfang.
Ach komm, jetzt hör aber auf. Was denn für einen Neuanfang?
Weiss noch nicht.
Das ist doch kitschig.
Ja, macht doch nix, ich kuck ja auch gerne Traumschiff.
What, echt jetzt???
Yep.

Ich glaube nicht daran, dass es so etwas wie eine Seele von meinem Vater gibt, die irgendwo irgendwie weiter existiert und schon irgendwie mitkriegt, dass ich nicht mehr wütend bin.
Vorsichtshalber sag ich`s ihm aber trotzdem mal.

"Hallo Papa. Ich bin nicht mehr wütend. Danke für alles.
Ich hoffe, Du hast jetzt Zeit für alles, was Du immer so gerne machen wolltest.
Gitarre spielen, malen, ganz viel Essen und Wein trinken.
An die Nordsee fahren.
Uns in Kiel besuchen.
Gesundheitsberater sein.
Immer genug Butter im Kühlschrank haben.
Und Sahne.
Und dass Du alles tun kannst, von dem Du uns nie erzählt hast.
Ich schätze das ist eine ganze Menge.
Mach`s gut."

...

Nachtrag:
Ich hab das ja nicht so mit den Zahlen.
Danke Mama für den Hinweis mit der 70.

Einer meiner Brüder erinnerte mich dann noch daran, dass mein Vater seine geliebte Butter auf gar keinen Fall im Kühlschrank hatte. Sie musste immer schön weich sein.




















Montag, 16. Januar 2017

Rollin' home oder wie ich zum Hackenporsche kam

Leben ohne Auto.
Wollte ich ja schon länger mal drüber schreiben.
Autos sind ja eine super Erfindung, aber mir haben sie trotzdem immer eher Angst eingejagt oder zumindest sehr großen Respekt gemacht.
Als ich in dem Alter war, als um mich herum viele Leute ihren "Lappen" machten, hatte ich a) kein Geld und b) keine Ambitionen, mir welches extra für den Führerschein zu erjobben.
Gebraucht hab ich ihn auch nicht, ich fuhr meist Bus und Bahn und hatte durch das Semesterticket auch recht erschwinglichen Zugang zu diesen Fortbewegungsmitteln.
Mein erster Freund durfte dann irgendwann das Auto seiner Mutter fahren, und wir haben sehr sehr lustige Sachen damit erlebt.
Ich kann sagen, ein Auto kann äusserst hilfreich sein, wenn man Zelturlaub auf einer Nodseeinsel macht und es nachts derart stürmt und regnet, dass man sich selbst samt (klatschnassem) Zelt in die kleine rote Blechkugel verpacken kann und zumindest nicht weg fliegt.
Und klar, später dann, als mein Mann und ich einen schwarzen flauschigen Fellbären (hach...) namens Willi zu uns genommen haben, da habe sogar ich irgendwann Spaß am Auto fahren gekriegt.
Wenn dann irgendwann aus dem jungen Wildfang ein krankes und altes Hundetier geworden ist und man nicht in der Stadt wohnt, ist es sogar oft undenkbar, ohne Auto zu sein.
Und, lange her, in den ersten Jahren unserer Selbständigkeit, als das "Atelier kleine Freiheit" noch keine feste Homebase hatte und wir jedes Jahr auf Kunsthandwerkermärkten, Ausstellungen und Messen unterwegs waren, was hätten wir da nur ohne unseren fabelhaften Kangoo gemacht!
Wenn nur diese Blechkisten nicht immer irgendwann ihre Zicken und Macken kriegen würden, die einem die letzten Haare vom Kopf fressen, einem schlaflose Nächte bereiten und Fragen von wahrhaft existenziellem Ausmaß aufzwingen...
Als es das letzte Mal soweit war, dass wieder die Diskussion entbrannte, wie es mit dem in die Jahre gekommen Gefährt weiter gehen sollte, entschieden wir uns dazu, es endlich mal ganz ohne Auto zu versuchen.
Der Fellbär im Hundehimmel, die Wanderjahre mit dem Atelier vorbei...also los, jetzt oder nie!
Das war ungefähr im Mai, ist also jetzt knapp acht Monate her.
Seither haben sich unsere Fahrradkilometer vervielfacht, wir kennen fast das ganze Busliniennetz auswendig und schrecken auch nicht davor zurück, sperrige Sachen per Lieferdienst zu bestellen.
Da wir halb im Dorf wohnen, ausserdem auf einer ziemlichen Anhöhe, müssen wir schon recht gut planen und und organisieren, was wann wohin transportiert werden muss, und obwohl wir durchaus keine unsportlichen Leute sind, ging das zwischenzeitlich ganz schön auf die Energiebilanz.
Platt, schachmatt und wirklich erschöpft - da war erstmal nix von wegen "ich bin so fit wie nie zuvor!"
Wir fabulierten von E-Bikes und nahmen auch mal ein Taxi.
Besonders der Wind hier an der Küste macht mir gerne mal zu schaffen, er bläst, da bin ich mir ganz sicher, mit voller Absicht immer entgegen meiner Fahrtrichtung.
Mistkerl.

Wir haben uns vorgenommen, es ein Jahr ohne Auto zu versuchen.
Bisher ist die Bilanz trotz Pannen, kleinen Unfällen und Null-Bock-Phasen äusserst positiv.
Dank lieber Freundinnen und Freunde mit Autos lassen sich in besonderen Fällen auch grössere Transporte machen, und man staunt immer wieder, was alles in ordentliche Fahrradtaschen passt.
Fast wie bei Hermine Granger in "Harry Potter", die ganze Bibliotheken oder auch mal ein Zelt in ihrer Zauberhandtasche verschwinden lassen kann.

Seit heute habe ich einen Hackenporsche.
Weil ich seit meinem kleinen Eis-Malheur immer noch nicht gerne Rad fahre, solange es glatt ist.
Also stapfe ich jetzt mit dem kleinen Rollvehikel los und kann dann mit meinem Einkauf direkt bis vor den Kühlschrank fahren.
That's Luxus, Baby!

Donnerstag, 5. Januar 2017

Kopfarbeit und Nudeln. Über "Eat, Pray, Love"



gezeichneter Kopf, aus dem ein Wirrwar von Blättern, Gedanken und Blitzen hervor quillt. Von Meike Kröger


Vor einiger Zeit schrieb ich in mein altes Blog schonmal über meine (bislang vergeblichen) Versuche, so etwas wie meine "innere Mitte" zu finden.
Ich muss wohl ein Bedürfnis danach haben, obwohl ich sehr gerne darüber spotte und eine meiner wagemutigen Thesen ist, dass wir alle (in der verwöhnten westlichen Wohlstandswelt) einfach zu viel Zeit haben, zu grübeln und den Sinn des Lebens zu suchen oder Rosinen mit Achtsamkeitsaufmerksamkeit zu zerkauen.
Vielleicht liegt es am älter werden, aber das ganze Gehetze und Gedrängel, was man so um sich herum und mit sich selbst erlebt, erschöpft sogar mich gelegentlich.
Und da ich obendrein noch zur nachdenklichen und skeptischen Spezies gehöre, schaltet mein Kopf auch nicht mal so eben auf Tiefenentspannung um.
Da hab ich gemerkt: Ich brauche Hilfe.
Es gab schon ein paar Testläufe mit Meditationsapps, und yay, das klappt ganz gut. Ich habe es sogar schon einmal geschafft, dass goldglitzernde Wärme von irgendwo über meinem Kopf durch mich hindurch floss. Spooky.
Meist jedoch kämpfe ich wahlweise mit meinem linken Auge, das immer wieder von alleine aufgehen will, oder mit eingeschlafenen Beinen, oder ich schaffe es gar nicht erst, mich für zehn oder fünfzehn Minuten zum meditieren hinzusetzen.
Irgendwas ist ja immer.
Aber - und das ist das erstaunliche - ich lasse offensichtlich nicht nach, es immer wieder zu probieren. So, wie irgendwann das Laufen zu einem Bedürfnis geworden ist, ist es nun auch der Versuch, hin und wieder zu innerer Ruhe zu finden.
Ob die in meiner "Mitte" zu finden ist oder in meinem linken kleinen Zeh, ist mir mittlerweile egal. Hauptsache, ich kriege sie am Rockzipfel zu fassen und kann sie für einen Moment oder zwei bei mir behalten.
Als damals der Film "Eat, Pray, Love" in die Kinos kam, haben wir uns den angeschaut, mehr wegen der Reiseeindrücke als wegen der Selbstfindungsstory, die mir im Film als reichlich klischeehaft und langweilig in Erinnerung geblieben ist. Nichts reizte mich damals, es mit der Romanvorlage von Elizabeth Gilbert zu probieren.
Allein das Wort "Pray" reichte mir ja ausserdem schon, einen weiten Bogen darum zu machen.
Als mir irgendwann klar wurde, dass ich Atheistin bin, aber eine, die religiöse Gefühle verstehen kann, war das eine Weile sehr kompliziert.
Weil wir uns in unserer Gesellschaft so schwer tun mit unklaren Zuständen, mit Uneindeutigkeit oder mit Unfertigkeit.
Immer soll alles so oder so sein, entweder oder, entscheide Dich, eier nicht so rum. Du kannst doch nicht Atheistin sein und trotzdem zum Taizé gehen. Well, yes, I can.
Und ich kann auch weiterhin Bauchweh bei vielen Worten und Textpassagen haben, aber dann auch wieder unbeschreibliche Glücksmomente erleben, wenn ich in die Musik eintauche und alle zusammen einen Klangkörper bilden.
Zurück zu "Eat, Pray, Love".
Irgendwann in letzter Zeit flatterte mal wieder ein Textauszug aus dem Roman an mir vorbei, und ich kriegte doch Lust, das Buch zu lesen.
Ich fürchte, ich bin gerade mein eigenes Klischee, wenn ich nun schreibe, dass ich wohl genau jetzt bereit dafür bin (ich krieg schon eine Stresspustel. Frau, bald Mitte vierzig, come on!).
Tatsächlich aber hat mich schon lange kein Buch mehr derart gepackt und mir "das könnte ich sein" - Momente beschert.
Allein das hat dazu geführt, dass es erstmal wieder in die Ecke flog, ich fand es eine Unverschämtheit, wie passend das alles erschien.
Dieses sich-ertappt oder, positiver - erkannt fühlen, das ist gewöhnungsbedürftig für mich.
Liz, die wunderbar unheldinnenhafte Heldin der Geschichte, sucht Gott und tiefe Spiritualität. Das tue ich nun definitiv nicht, aber es gibt trotzdem Überschneidungen.
Sie schreibt Sätze über diese Suche, die für mich (manchmal) eins zu eins auf Forschung und Wissenschaft (meine spät entdeckten großen Lieben) passen. Es geht um nichts weniger als das Universum und wie es funktioniert, und wie man selber darin klarkommen kann als kleines Ameisenwesen. Für Liz geht es dabei um Gott und Spiritualität (und Ameisenwesen), für mich um Neutronensterne und rote Riesen (und Ameisenwesen).
Naja, und um innere Ruhe, weil der Rest des Universums eben so einen Radau macht, dass es manchmal zum verrückt werden ist.
Das tolle ist: Liz ist unheimlich selbstironisch, und es gibt wirklich viel zu lachen im Buch.
Und es ist nicht so süßholzmässig-belehrend verfasst wie viele andere Bücher, die solche Themen behandeln, besonders nicht, wenn es um die westliche Lebensweise geht, die so gerne verteufelt und gebasht wird von denen, die in den Erleuchtungstopf gefallen sind und sich ein bisschen zu voll gefuttert haben und sich zur Verdauung an neuen Feindbildern abarbeiten müssen.

Ich habe es noch gar nicht durchgelesen, aber ich habe für den Moment eine virtuelle Freundin gefunden, die genauso mit sich und ihrer Unfähigkeit zu kämpfen hat wie ich, sich auf wahre innere Ruhe einzulassen, die wahnsinnig gerne zuviel isst, die immer alles wissen will und die allmählich lernt, weniger streng mit sich zu sein.
Letzteres ist, finde ich, eine der schwierigsten Angelegenheiten.
Aber ich lerne auch das.
Und lasse mein linkes Auge nun eben einfach auf, wenn es denn beim meditieren offen sein will.
Und ich werde definitiv wieder mehr Pasta essen.

gezeichnetet Teller voller Spaghetti mit Tonatensauce. Dazu ein Glas Rotwein. Von Meike Kröger