Montag, 26. Juni 2017

Fantastic ohne Runtastic oder wie ich Laufen lernte




Stilisierte gezeichnete Landschaft mit einer Person auf dem Hügel, sie lässt Luftballons steigen. Zeichnung von Meike Kröger

Technik und ich = in meiner fernen Vergangenheit ein absolutes No-Go.
Ebenso Sport und ich.
Genauer gesagt Laufen und ich.
An beides habe ich mich im Laufe der Jahre gewöhnt - ich kann und will nicht mehr ohne.
Und wie immer im Leben kann man es dann auch prima übertreiben.
Mit der Technik und mit dem Sport und vor allen Dingen mit beidem zusammen.
Im Übertreiben bin ich sowieso ziemlich gut, aber ach, ich bin eben so voller Begeisterungsfähigkeit, die schwappt dann hier und da ein wenig über.
Zum Laufen kam ich durch den typischen Weg über Rückenschmerzen, die sich irgendwann nicht mehr aussitzen (im wahrsten Sinne des Wortes, bei meinem Beruf als Goldschmiedin...) ließen und mir eines Tages in Form mehrfacher starker Hexenschüsse die dunkelrote Karte zeigten.
Das ist viele Jahre her, und zusätzlich zum Laufen gehört ein kleines, aber regelmässiges Rückenschule-Programm dazu, und ich bin weitestgehend schmerzfrei.
Als ich mich seinerzeit als Laufanfängerin schnaufend und ziemlich pessimistisch durch die Pampa schleppte, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich etwas später mit eben diesem Laufen gleich das nächste Problemfeld aufmachen würde.
Etwas schlummerte in mir, von dem ich nicht wusste, dass es zu mir gehört:
Ehrgeiz.
Dummerweise zeigt er sich nicht bei Tätigkeiten wie Putzen, Buchführung oder dem Abbau von Wäschebergen. 
Schade eigentlich.
Aber: Er gehört zu mir (*flööööt*) und er hat mich ziemlich ins Straucheln gebracht.
Ich bekam nämlich neben dem Spaß am Laufen großen Spaß an Lauftechnik-Kram.
Pulsuhr, Laufapp, sowas.
Ich war begeistert von Runtastic und war stolz wie Bolle über meine Statistiken - jedenfalls dann, wenn sie sich in die erwünschte Richtung entwickelte.
Will heissen: Gewichtskurve runter, Tempo und Distanz nach oben.
Wehe es ging anders herum, da konnte ich ziemlich schlechte Laune bekommen.
Der Kopf weiss natürlich, dass es ganz normal ist, Schwankungen zu erleben.
Überall und immer.
Niemand kann gleichbleibende Leistungen bringen, und Laufen geht nie ohne Rückschläge, Zwangspausen oder Durststrecken.
Deshalb ist es ja so eine phantastische Sache, wenn man sich durch ein Tief gekämpft hat, wenn man einen Durchhänger überwunden oder nach einer Krankheitspause allmählich wieder in den alten Laufrhythmus kommt.
Runtastic, die Laufapp, meint es immer sehr gut mit einem.
Wenn man länger als eine Woche keine Aktivität geloggt hat, schreibt sie freundlich "hey, wie wär`s wenn Du mal wieder den A... hochkriegst?" (Das stimmt so natürlich nicht, ich übertreibe, s.o.).
Und wenn man eine Strecke gelaufen ist und beim nächsten Training die App startet, dann schlägt sie einem vor, mit sich selbst einen Wettstreit zu beginnen: "Hey, Versuch doch mal, die Strecke etwas schneller zu laufen als beim letzten Mal!"
Und ich war brav.
Habe das manchmal versucht, und manchmal hat es auch geklappt, dann schenkt einem die App einen drolligen kleinen animierten Pokal.
Wenn man es nochmal schafft, die eigene Leistung zu toppen, kriegt man noch ein kleines Feuerwerk.
Schön.
Aber worin die App wirklich schlecht ist, was in diesen Programmen einfach nicht bedacht wird, ist der Umstand, dass man manchmal eigentlich genau den gegenteiligen Schubser braucht.
Es bräuchte eine Funktion, die auch mal auf die Bremse tritt.
Die einem sagt "hey, pass mal ein bisschen auf dich auf, mach doch mal eine Pause und komm nächste Woche wieder!"
Oder - nach einer längeren Pause - wenn man sich dann wieder einloggt und die erste klitzekleine Runde gelaufen ist - dann könnte die App doch schreiben "hey, schön dass du dich mal wieder aufgerafft hast! Fang aber schön langsam wieder an und übertreib es nicht!"
Jaja, ich weiss, das muss man sich alles selbst sagen und vor allen Dingen danach handeln.
Ich gehörte zu dieser Zeit nicht zu denjenigen, die ihre Körpersignale von alleine gut einschätzen können. Deshalb bin ich auch nach wie vor mit der Pulsuhr unterwegs.
Diese hilft mir, mich nicht zu überfordern, denn das geht bei mir ruck-zuck.
Es wird besser, aber hier ist die Technik immer noch eine gute Hilfe für mich.
Von Runtastic habe ich mich verabschiedet.
Ich bin wahnsinnig stolz auf meine gesammelten Werte:

1758 Kilometer habe ich zurück gelegt.
Darunter einige Wettkämpfe (bei denen ich sehr langsam war, aber egal, ich war dabei!)
282 Stunden bin ich gerannt.
113.500 Kalorien habe ich verbrannt.

In Wirklichkeit war es noch viel mehr, weil ich auch zwischendurch immer wieder ohne die App unterwegs war. Oder das GPS ausgefallen ist, oder der Handyakku leer war.
Das war manchmal wirklich schlimm - als wäre man gar nicht gelaufen, als hätte einen jemand irgendwie um die Ergebnisse betrogen.
Ganz schön krass, wie einen Technik beeindrucken kann.
Ich laufe jetzt ein gutes halbes Jahr ohne App und muss ehrlich zugeben:
Anfangs war es nicht einfach, "einfach nur zu laufen" - obwohl es ja genau darum gehen sollte, eigentlich.
Laufen, um gesund zu werden und es zu bleiben.
Ich war mal wieder zu überschwänglich und habe es kräftig übertrieben, wie es meine Art ist.
Und natürlich kann die App nichts dafür.
Ich lerne jetzt also nochmal Laufen, sozusagen.

Runtastic und ich, wir hatten eine coole Zeit zusammen, aber jetzt mach ich mich allein auf den Weg.
Auf die nächsten 1000 Kilometer!