Sonntag, 2. Juli 2017

Wie ich mich mit dem Wind versöhnte





Skizze einer Radlerin, die mit einem E-Bike einen steilen Berg hoch flitzt. Zeichnung von Meike Kröger

Ab heute habe ich immer Rückenwind!

Wie das?
Ganz einfach:
Man nehme ein Fahrrad, flansche einen Motor und einen Akku dran - los geht`s!
Naja, ganz so einfach ging es leider nicht, aber so prinzipiell war das der Plan.

Nachdem unser Ziel "ein Jahr ohne Auto" erreicht war, wurde es Zeit für eine Energiebilanz.
Buchstäblich unsere eigene, insbesondere meine.
Das Fazit: Mein körpereigener Akku ist schneller leer, als es mir lieb ist.
Hielt ich mich eigentlich für relativ gut trainiert, kam ich doch gerade bei den Radfahrten mit schwerem Gepäck an meine Grenzen.
Der Wochenendeinkauf, der Sack Blumenerde, dicke Aktenordner...und das ganze dann kombiniert mit den durchaus knackigen Steigungen, die Kiel zu bieten hat - da war ich oft mehr als erschöpft, wenn ich zu Hause war.
Außerdem hatte ich kaum noch Energie für mein Lauftraining über, und das hat dann schonmal auf die Stimmung gedrückt.
Was mich aber oft wirklich fertig gemacht hat, ist der Wind.
Ja, frische Luft und Fahrtwind - toll! 
Aber gerade zum Herbst hin wird es hier wirklich ruppig, dazu kommt fieser Nieselregen, und aus Wind wird Sturm.
Da habe ich mir beim mühseligen bergauf Strampeln oder Schieben insgeheim einen Abschleppdienst für ermattete Radlerinnen herbei gesehnt.
Und neidisch den flotten E-Bikern hinterher geschaut, die mich gelegentlich überholt haben.
Gleichzeitig habe ich gedacht "pah, ich schaff das auch ohne eingebauten Rückenwind, ich bin doch fit!"
Tja, naja.

An der Küste, und besonders in den touristischen Zentren, tummeln sich ja seit einigen Sommern Horden von funktionsbekleideten, gern im Partnerlook auflaufenden (meistens) älteren Pärchen, die ihre nagelneuen Pedelecs (auch gerne im Partnerlook) gleich stapelweise vor den Strandbistros und Hafencafés abstellen, und beim Genuss des alkoholfreien Bierchens argwöhnische Blicke zu ihren monströs teuren Drahteseln schicken, ob da auch bloß niemand das Display klaut oder schlimmeres.
Ja, ich gebe zu: Ich habe mich manchmal ein klitzekleines bisschen drüber lustig gemacht, wobei ich gleichzeitig natürlich in Wirklichkeit neidisch auf die Hightech-Gefährte war, vor allen Dingen auf die, denen man die Technik nicht schon drei Kilometer gegen den Wind ansehen kann.
Aber es war unvorstellbar für mich, selbst so etwas zu besitzen.
Quasi unter meiner Sportlerinnen-Ehre (Sie erinnern sich vielleicht an meinen letzten Post?).
Tja, aber der Sommer ging dahin, und er war wirklich schön, wir haben weite Touren gemacht, ganz ohne Strom, aus eigener Kraft, und wir waren stolz auf uns.
Aber dann kam der Herbst, und der ohnehin schon kräftige und launenhafte Wind legte noch mal einen Zahn zu, er brachte Regen und Hagelschauer mit und machte einem das Radlerleben wirklich manchmal zur Hölle.

Lange Rede kurzer Sinn:
Seit kurzem besitze ich ein nagelneues Pedelec.
Die Sache mit dem "einfach einen Motor und einen Akku an mein Fahrrad dran flanschen" wurde von mir und meinem famosen Autoschrauber-Meister-Bruder tatsächlich angedacht, aber wegen hunderter Kilometer zwischen uns und anderer technischer Hürden wieder verworfen.
Also habe ich gespart, und da wir ja nun keine Unsummen mehr für teure Autoreparaturen, Benzin und KFZ-Steuer rauswerfen müssen, wurde das Unmögliche möglich:
Ich habe mir einen nagelneuen Flitz-O-Maten angeschafft.
Quasi mein erster ganz eigener Firmenwagen, wenn man so will.
Jetzt ist Schluss mit Frust-Schieben.
Denn das feine Wunderding hat sogar eine Schiebehilfe.
Heute bin ich zum ersten Mal unseren "Hausberg" hochgefahren, voll beladen mit dicken Packtaschen.
Es ist unbeschreiblich.
Es ist wirklich so, als würde von hinten jemand schieben, und zwar richtig.
Mit Wumms.
Adieu Muskelkater, willkommen neue Energie!
Davon habe ich ab jetzt nämlich wieder etwas mehr übrig, und abends habe ich sie gleich in einen entspannten kleinen Feierabendlauf investiert.
Mit dem ruppigen Wind habe ich mich auch versöhnt, denn ich habe auch bereits die Kombination starker Gegenwind + Steigung + schweres Gepäck locker-flockig mit 20 km/h gewuppt.
Also nicht ich allein, ist klar.
Ich hab ja jetzt Unterstützung, ich Glückskind.

Und demnächst, wenn wir einen Wochenendausflug zum Strand machen, werde ich mein neues Fahrrad brav zu den Touristen-Partnerlook-Rädern gesellen, mir ein alkoholfreies Bierchen holen, und hin und wieder argwöhnisch zu meinem Bike rüber schielen, ob da wohl jemand mein Display klaut oder schlimmeres.

Prost.



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